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Leseprobe
Der Besuch in den Gärten der Medici in
der Nähe von Marco, war zustande gekommen, und da Lorenzo ein offenes Haus
hielt, waren außer den Santinis noch andere Gäste anwesend. Selina war es
gelungen, sich ein wenig abseits zu halten und sie genoss es, die anderen zu
beobachten.
Ihr Großvater hatte
sich zwar geziert, es sich dann jedoch nicht nehmen lassen, seine Enkelin
und deren Gesellschafterin persönlich zu begleiten. Die Einladung ins Haus
des Magnifico war eine Auszeichnung, die ihm ohne die Vermittlung seines
zukünftigen Enkelsohns nicht zuteil geworden wäre und er würde sie
auszukosten wissen. Der Magnifico war zwar allgemein sehr gesellig, förderte
die Künste und beschränkte seinen Umgang nicht nur auf die Patrizier und den
Adel der Stadt, aber die Santinis waren so weit von seinem Umkreis entfernt,
dass bisher keine Hoffnung bestanden hatte, in sein Haus geladen zu werden.
Nun jedoch saß Santini gemeinsam mit einigen anderen Gästen bei Lorenzo in
der großen Halle, lauschte voll höflicher Andacht seinen Worten und betrug
sich so liebenswürdig, dass Fiorina, die den Alten nur als übelgelaunten und
herrschsüchtigen Mann kannte, wohl vor Verwunderung die Hände
zusammengeschlagen hätte, wäre sie ebenfalls geladen gewesen.
Francoise stand bei
einer Gruppe junger Leute, die lachten und scherzten, neben ihr Francesco,
der kaum einen Blick von ihr lassen konnte und hastig eine Blume, die seiner
Angebetenen aus dem Haar gefallen war, aufhob und an seinem Busen barg. Ihre
Freundin sah aber auch zu reizend aus. Sie selbst war ihr beim Ankleiden
behilflich gewesen, hatte das Haar geflochten, am Hinterkopf
zusammengebunden und dann anstelle einer Perlenspange einige weiße Blüten
hineingesteckt, die Francoises ebenso zarten wie frischen Teint noch
unterstrichen. Sie hatte Francesco in den vergangenen Tagen, seit sie von
der Verliebtheit ihrer Freundin wusste, genauer beobachtet und nichts an dem
jungen Mann gefunden, das es ihr nötig erscheinen ließ, Francoise zur
Vorsicht zu mahnen. Wie gut die beiden schon im Namen zusammenpassten, nicht
nur im Aussehen und im Charakter! Beides waren sie sanfte, liebenswerte
Geschöpfe, die wie füreinander geschaffen zu sein schienen.
Als Selina die
anderen zur Genüge mit geheimem Amüsement beobachtet hatte, schlüpfte sie
durch eine Tür und ging in den Garten, wo sie staunend die Wunder der
antiken Künstler besah, die sich viele junge Florentiner zum Vorbild nahmen
und eine neue Kunstform schufen, die über die steifen und kühlen Formen des
Nordens hinausging.
Auch ihr Stiefvater
und späterer Geliebter hatte Statuen ins Schloss gebracht und in seinem
Schlafzimmer hingen Gemälde, die die Phantasie und Leidenschaft seiner
jungen Geliebten erregt hatten. Aber dergleichen wie hier, in Florenz, hatte
sie noch nirgendwo gesehen. Ein altrömischer Cupido, der an einer schlanken
Venus lehnte. Im Palast ein Fresko mit halbnackten Männern und Frauen. Ein
zierlicher David mit einem Schwert, von einem der bedeutendsten Künstler
dieser Zeit in Bronze gegossen.
Sie hatte es bisher
noch keine Sekunde bereut, nach Florenz gekommen zu sein, auch wenn ihr nun,
nach einiger Überlegung, ihre Komödie selbst etwas lächerlich erschien. Sie
hatte nicht den geringsten Grund gehabt, di Barenza zu fürchten. Er war
nicht der unangenehme Mann, den sie in ihm gesehen hatte, und niemand, nicht
einmal der Großvater, hätte sie zwingen können, einen Gatten zu nehmen, den
sie nicht wollte. Sie schüttelte ärgerlich über sich selbst den Kopf. Wie so
oft in den letzten Tagen verirrten sich ihre Gedanken wie von selbst zu
Alessandro di Barenza und sie vermochte nicht den Traum, der sie mehr
aufgewühlt hatte als sie selbst es wahr haben wollte, aus ihren Erinnerungen
zu verbannen.
Sie blieb etwas
abseits von den anderen vor einer Statue stehen, die sie wie magisch anzog.
Ein kräftiger, muskulöser nackter Mann, der ein Schwert in der Hand hielt.
Das Werk eines unbekannten Bildhauers, der schon seit über tausend Jahren
tot war.
Sie ließ ihren
Blick von seinem männlichen Gesicht abwärts gleiten, über die breite Brust,
seine kräftigen Schultern, die Arme, auf denen der Künstler die Muskeln so
deutlich gezeichnet hatte, und dann über seinen Bauch, weiter hinab bis zu
den ebenfalls muskelbepackten Schenkeln. Er stand aufrecht, in der Hand das
Schwert, nicht zum Schlag erhoben, sondern nach unten gerichtet, mit der
Spitze zum Boden weisend, sich leicht darauf stützend. Selinas Augen suchten
das überdimensional große Glied, das trotz seiner steinernen Kälte so
erregend war, und unwillkürlich glitten ihre Gedanken ab zu Alessandro di
Barenza. Der Traum nahm sie wieder gefangen und in ihrer Vorstellung stand
nicht diese Statue vor ihr, sondern Alessandro und ... Sie zuckte zusammen,
als sie plötzlich neben sich eine Bewegung mehr spürte als sah.
Sie blickte hoch
und direkt in Alessandros Augen.
Ein amüsiertes
Lächeln lag darin und noch etwas anderes, auch wenn Selina diesen anderen
Ausdruck nicht in Worte fassen konnte. Ein gewisses Interesse vielleicht.
Neugier ...
„Ich hatte nicht
gedacht, Euch im Garten zu treffen“, sagte sie kühl, als er neben sie trat.
„Wenn Ihr nicht
erwartet hattet, mich hier zu sehen, dann haben sich Eure Gedanken also mit
mir beschäftigt, madonna“, erwiderte er lächelnd. „Das ist schon mehr
als ich zu hoffen gewagt hätte, Francesca.“
„Ich heiße nicht
Francesca“, korrigierte sie ihn von oben herab, „mein Name ist Francoise.“
Sie wiederholte ihren Namen sehr langsam und deutlich und fügte hinzu: „In
Burgund spricht man das so aus. Aber es verwundert mich nicht, dass Ihr das
nicht wisst.“ Wenn sie jedoch gedacht hatte, dass Barenza nun verlegen
werden würde, sah sie sich getäuscht.
„Francoise“,
wiederholte er nachdenklich und ließ dabei seinen Blick über ihr Gesicht
schweifen, „ein schöner Name. Sehr weich. Aber ich finde Francesca passt
besser zu Euch.“ Sein Lächeln, das ihr in der ersten Minute ihres
Kennenlernens schon aufgefallen war, vertiefte sich, „Francesca klingt
munterer, heiterer, vielleicht sogar ein wenig keck, und wenn es sein muss,
streng. Ja“, fuhr er fort, „ich denke, ich werde Euch Francesca nennen und
hoffe“, er begleitete diese Worte mit einer höflichen Verbeugung, „Ihr
werdet mir diese Freiheit verzeihen, madonna.“
Selina biss sich
ärgerlich auf die Lippen. Sie war hierher nach Florenz gekommen mit der
festen Absicht, diesen Barenza unleidlich zu finden, und nun stellte sie
abermals fest, dass er einen gewissen Charme ausstrahlte, für den sie nicht
ganz unempfänglich war. „Dass Ihr mich mit madonna ansprecht, ist
ebenfalls nicht richtig. Dieser Titel gebührt nur einer Dame von Stand.“
„Die Ihr ja seid,
Francesca“, erwiderte er unbeeindruckt. „Das weiß ich von Eurer Freundin.“
Sie entschloss
sich, keine Antwort zu geben, sondern wandte sich ab und ging langsam den
kiesbestreuten Weg weiter. Zu ihrem Verdruss war Barenza jedoch nicht so
leicht abzuschütteln. Er ging neben ihr her und Selina bemerkte, dass er sie
beobachtete. Zuerst versuchte sie, ihn zu ignorieren, aber als die
Verlegenheit ihre Wangen rötete, blieb sie abrupt stehen.
„Weshalb seht Ihr
mich so an?“ fragte sie unwillig.
„Darf ich nicht?“
tat er verwundert. „Weshalb sollte Euch das stören? Ich dachte immer, Euer
Geschlecht trachtet danach, angesehen und bewundert zu werden! Wenn das
nicht so sein sollte, dann frage ich mich, weshalb Ihr ein so reizendes
Kleid trägt und Euer Haar mit Bändern verziert habt, die es jedem Mann,
sofern er nicht völlig blind ist, schwer machen, den Blick von Euch zu
lösen. Wenn Ihr nicht angesehen werden wollt, meine ungnädige Dame, weshalb
hüllt Ihr Euch dann nicht in braunes Sacktuch und versteckt Euer Haar unter
einem dunklen Schleier?“
Selina rang
sekundenlang nach Luft und setzte schon zu einer vernichtenden Antwort an,
als sie das Lächeln in den dunklen Augen bemerkte. Sie schluckte die bösen
Worte hinunter und sah ihn missbilligend an. „Es ziemt Euch nicht solche
Worte zu mir zu sprechen“, ließ sie ihn wissen, dabei Francoises
wohlerzogenen Tonfall nachahmend.
„Und weshalb
nicht?“ fragt er erstaunt.
„Weil ...“ Weil Ihr
so gut wie verlobt seid und Euch für Geld verkauft, hatte sie sagen wollen,
unterbrach sich jedoch hastig und ging weiter, ohne ihn noch eines Blickes
zu würdigen.
„Wenn Ihr so
schnell geht, habt Ihr nicht genug Muße, all diese schönen Statuen zu
betrachten, Signorina Francesca“, rief er ihr nach. „Der Schwertträger ist
vielleicht die eindrucksvollste, aber nicht die kostbarste unter ihnen!“
Selina spürte, wie
ihre Wangen noch heißer wurden. Er musste sie schon längere Zeit beim
Betrachten der Statue beobachtete haben und ihr Gesichtsausdruck hatte ihm
zweifellos ihre Gefühle dabei verraten. Bei jedem anderen Mann wäre ihr das
gleichgültig gewesen, bei ihm jedoch fühlte sie sich – wohl zu Recht –
ertappt.
Es war ihr
unangenehm, dass ausgerechnet er sie so gesehen hatte. Und doch spürte sie
gleichzeitig eine seltsame Erregung.
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