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Leseprobe:
Aus der Ferne
betrachtet wirkte er noch interessanter. Der Kragen seines weißen Hemdes hob
sich deutlich von der Dunkelheit auf der Tanzfläche ab. Er bewegte sich wie
ein Gott. Ja, er hatte ein Talent zum Tanzen. Es schien Ursula fast so, als
bewegte er sich in einem schwerelosen Raum. Seine langen Gliedmaßen wiegten
sich nach dem Rhythmus der Soul Musik wie Schmetterlinge auf Nahrungssuche.
Für einen Moment setzte ihr Atem aus, als sie ihn kurz darauf mit einer Frau
tanzen sah. Es war eine hübsche schwarze Frau mit einem tiefgeschnittenen
weißen Top und einem schwarzen Minirock Sie umschlang nun Marks Hals.
Ursula nahm einen tiefen Atemzug und ließ ihren Blick nicht mehr von Mark.
Seine Miene war unverändert. Und doch spürte sie, dass ihm diese Frau etwas
lästig fiel. Oder bildete sie sich das nur ein? War sie gar eifersüchtig?
Sie lehnte sich auf die Sitzbank zurück, um darüber nachzudenken.
Er sah gut aus. Er
war sogar sehr attraktiv. Er hatte einen tollen Körper und ein hinreißendes
Lächeln. Vielleicht war sie ihm wegen des Uniform-Gesäusels auf den Leim
gegangen. Nein, das allein konnte es nicht gewesen sein. Aber warum störte
es sie so sehr, dass er mit dieser langbeinigen Frau tanzte? Sie leerte ihr
Glas mit einem Zug. Ungeduldig winkte sie den Kellner herbei, um sich noch
einen Cocktail zu bestellen.
Verdammt noch mal!
Warum bin ich so verklemmt? Noch bevor der Cocktail serviert wurde, sprang
sie auf die Beine. Sie zitterte vor Aufregung, als sie auf die Tanzfläche
ging. Haltung!, mahnte sie sich selbst und wiegte sich im Rhythmus der
Musik. Als sie Mark kurz anblickte, begrüßte er sie mit einem umwerfenden
Lächeln. Sie legte ihren Kopf in den Nacken, schloss die Augen und ließ sich
treiben. Der Alkohol vermischte sich wohl eben erst mit ihrem Blut, denn
ihre Bewegungen wurden zunehmend geschmeidiger. Sie öffnete für einen
Augenblick ihre Augen und sah, dass Mark sie aufmerksam unter gesenkten
Lidern beobachtete. Ursula glaubte ihm anzumerken, dass ihm die Klette im
Minirock auf die Nerven ging. Ihr schien, dass auch seine Lust zu ihr mit
jeder Sekunde größer wurde. Ursula entzog sich seinem Blick und drehte sich
in einem plötzlichen Entschluss in die andere Richtung. Auf das, dass ihre
Drehung in den harten Bauchmuskeln eines fremden Mannes landen würde, war
Ursula nicht vorbereitet gewesen. Auch nicht darauf, dass sie durch diesen
Aufprall das Gleichgewicht verlor und in sich zusammensackte. Erst als feste
Hände sie unter den Achseln fassten, sie wieder auf die Beine stellten, und
sie in dunkle Augen sah, hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Der kann nur
ein Basketballspieler sein! dachte sich Ursula und schenkte ihm ein
dankbares Lächeln. Es war Ursula peinlich, dass ihr das ausgerechnet vor
Mark und dieser Tussi passieren musste. In der Zwischenzeit war der
Basketballspieler davon ausgegangen, dass Ursulas dankbares Lächeln eine
Anmache war. Wie ein räudiger Hund rieb er seine halbe Erektion an ihrer
Brust. Ursula durchzog ein kalter Schauer. Was hatte sie sich nur dabei
gedacht, alleine als blonde, blauäugige Frau auf diese Tanzfläche zu kommen?
Am meisten ärgerte sie, dass sie sich eingebildet hatte, Mark würde an ihr
Gefallen finden. Sie musste raus hier! Jetzt gleich! Wo war eigentlich
Hazel?
»Verzeih mir, aber
ich muss dich retten!«, sagte eine angenehme Stimme, die Mark gehören
musste. Dann schnappte er ihre Hand und zog sie von der Tanzfläche.
»...und wer sagt dir
denn, dass ich gerettet werden wollte«, antwortete Ursula forsch und hatte
sich plötzlich wieder unter Kontrolle.
»Der ist doch viel zu
groß für dich!«, antwortete Mark ganz neutral.
»Wie darf ich das
denn verstehen?!«, entgegnete sie ihm und lachte herzlich.
»Du bist mir eine
ganz Durchtriebene«, antwortete er ihr, als sie ihren Tisch erreicht hatten.
»Hast du Hazel
gesehen?«, fragte Ursula ihren Begleiter, weil sie sich langsam Sorgen
machte.
»Ja! Die sitzt dort
drüben!«, antwortete Mark und deutete auf einen kleinen Tisch in der Ecke
des Lokals.
Ursula erkannte, dass
Hazel mit gespreizten Beinen auf dem Schoß eines Mannes saß und ihn
abknutschte. Als sie dann ihren Blick wieder auf Mark richtete, schämte sie
sich etwas für ihre Freundin. Sie genierte sich auch für sich selbst, die
wie zugeknöpft einen halben Meter entfernt von Mark saß und nervös an ihrem
roten Strohhalm saugte. Vielleicht war es Zufall, vielleicht war es aber
auch sein enormes Einfühlungsvermögen, dass er ihr plötzlich den Strohhalm
aus dem Mund zog und sie küsste. In ihrem Kopf herrschte Chaos. Da war
einerseits die Ursula, die in ihren englischen Boss verliebt war, und ihr
gegenüber stand die neugierige Ursula, die Gefallen an diesem fremden Lippen
fand. Warum quäle ich mich so?! Es ist ja nur ein Kuss. Aber was für ein
Kuss das war. Sie glaubte in seinen üppigen Lippen zu ertrinken. Sie
glaubte, unter seinen Händen, die ihr Haar zärtlich streichelten, zu
zerschmelzen. Ja, sie hatte das Gefühl, den Boden nicht mehr unter den
Füssen zu spüren. Als sie in ihrem Höhenflug ihre Augen für einen Augenblick
öffnete, sah sie Hazel vor sich stehen.
»Ursi! Sei mir nicht
böse... aber ich muss nach Hause. Ich glaube, ich habe zuviel von dem
Erdbeercocktail getrunken. Mir ist ganz und gar nicht gut und...«, sagte
Hazel.
Mit einem Satz war
Ursula auf den Beinen.
»Ich bringe dich nach
Hause! Das kommt gar nicht in Frage, dass du...«, erklärte Ursula.
»Aber nein! William
bringt mich doch nach Hause!«, erwiderte Hazel. »Nicht wahr, William?«,
sagte sie und drehte ihren Kopf leicht zu William, der hinter hier stand.
William nickte zustimmend.
Erst jetzt ging Hazel
ein Licht auf. Hazel wollte mit William alleine sein! Sie hatte gar nicht
zuviel getrunken! Das war nur eine fadenscheinige Ausrede... eine Ausrede,
die Ursula ihr aber nicht übel nahm.
»Ich lass den
Schlüssel in dem Blumentopf vor der Tür, okay? Mark wird dich nach Hause
bringen... das ist doch so, Mark!«, sagte Hazel ungeduldig. Man merkte ihr
an, dass sie in Eile war.
Mark erhob sich und
streifte sich seinen Anzug glatt. Ursula vermutete, dass er eine Erektion in
der Hose hatte.
»Na klar! Kein
Problem!«, antwortete er mit belegter Stimme.
»Komisch!«, stieß
Ursula aus, als Hazel und William sich verabschiedet hatten.
»Was ist komisch?«,
fragte Mark und sah sie mit einem eindringlichen Blick an.
»Ach nichts!«, sagte
Ursula kurz. Sie wusste selbst nicht ganz genau, was sie damit eigentlich
meinte. Sie wusste nur, dass sie mit einem Mal plötzlich todmüde war.
»Wollen wir auch
gehen?«, fragte Mark und fand wieder einmal die richtigen Worte.
Die frische Luft traf
Ursula wie ein Schlag ins Gesicht. Plötzlich schien alles unheimlich
schwierig und kompliziert. Wie sollte sie denn nach Hause kommen? Würde sie
Mark wirklich heimbringen? Oder sollte sie sich ein Taxi leisten? Und Hazel?
Würde sie ihre Heimkehr wirklich schätzen? Oder wollte sie lieber allein mit
William sein? Fragen ohne Antworten schwirrten in ihrem Kopf. Beklemmend
ruhig und unheimlich leer gefegt schien plötzlich diese Gegend vor dem
Nachtklub zu sein. Ursula durchzog ein kalter Schauer.
»Du zitterst ja!«,
stellte Mark fest und legte seine Jacke über ihre nackten Schultern.
»Ich werde mir ein
Taxi rufen!«, sagte Ursula und wusste nicht einmal, ob es die richtige
Entscheidung war.
»Das kommt überhaupt
nicht in Frage!«, sagte Mark bestimmt.
Als er den Wagen vor
seiner Wohnung einparkte, war sie ihm dankbar dafür, für sie eine
Entscheidung getroffen zu haben.
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