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Leseprobe:
„Alex, hör mir mal zu!
Mir ist es eigentlich ganz gleich, um was es hier geht, aber bevor du hier
einfach abhaust ...“, schrie Lisa Alex an.
Alex hörte ihr
unfreiwillig zu, denn er war am Packen. Er packte schnell und es war nur zu
offensichtlich, dass ihn Lisas Streit-Monolog nicht im Geringsten
interessierte.
„ ... na schön, du willst
es nicht anders! Ich will ... Ich will, dass du mir die Reparatur der
Eingangstüre bezahlst! Ja wirklich, ich finde ...“, drohte Lisa und ihre
Worte überschlugen sich dabei.
Alex griff wortlos zu
seiner Brieftasche, nahm das Bündel Geld, dass er im Kasino gewonnen oder
sollte man sagen geschenkt bekommen hatte, heraus und reichte Lisa 10.000
Schillinge in bar. Verdutzt nahm sie es entgegen und betrachtete es eine
Weile.
„ ... warum hast du
soviel Bargeld bei dir? Hast du eine Bank ausgeraubt? Ich wusste von Anfang
an, dass du ein Krimineller ...“, meckerte Lisa weiter.
„Du! ... Du weißt gar
nichts! Meiner Meinung nach bist du nur eine frustrierte, unbefriedigte ...
frigide Frau ... ohne Humor noch dazu ...“, fiel Alex ihr ins Wort und verließ
mit seiner Tasche das Gästezimmer.
„Was???? Was bildest du
dir eigentlich ein! Ich bin weder frustriert noch unbefriedigt ... Ganz im
Gegenteil, ich habe erst gestern ...“, verteidigte sich Lisa empört.
„Das muss aber ein
Schlappschwanz gewesen sein, dass du immer noch ...“, sagte Alex und machte
eine letzte kontrollierende Runde in der Wohnung, um sicherzugehen, dass er
nichts vergessen hatte.
Lisa jagte ihm tollwütig
hinterher. Ihr Gesicht war mittlerweile knallrot geworden. Kleine
Haarsträhnchen hatten sich unwillkürlich aus dem sonst so makellosen
gebundenen Knoten gelöst und ihr Blick war dem einer Epileptikerin gleich.
„ ... ich ... ich fasse es
nicht, dass du ...“, stotterte Lisa, ohne die richtigen Worte finden zu
können.
„Lass dich doch mal
ordentlich durchficken! Dann geht’s dir besser, glaub’ mir!“, schlug Alex
vor und warf einen prüfenden Blick in Lisas Schlafzimmer.
„Ha! Das hättest du wohl
gern! Möchtest wahrscheinlich auch noch dabei sein, damit du dich daran
aufgeilen kannst, du ... du ...“
„Mmmh!“, schnurrte Alex.
„Ja, dagegen hätte ich sicherlich nichts! Aber wenn du willst, erledige ich
das auch gleich selbst ... Das willst du doch eigentlich! Deshalb regst du
dich so über mich auf! So ist es doch, nicht wahr?“, konterte Alex und griff
Lisa grob beim Handgelenk.
„Hilfe!“, schrie Lisa
hysterisch! Anna! Anna, der will mich ...“, rief sie aus voller Kehle, aber
ihre Worte sollten umgehend verstummen, denn Alex hatte sie leidenschaftlich
auf ihren Mund geküsst.
Hatte sie Lisa um Hilfe
schreien hören?, dachte sich Anna, als sie die Dusche abgestellt hatte. Sie
lauschte. Doch sie hörte keine Schreie, hörte eigentlich überhaupt nichts.
Hab’ mich wahrscheinlich geirrt!, dachte Anna weiter und trocknete sich
sorgfältig ab. Immer noch über ihr zukünftiges Leben sinnierend, cremte sie
ihren makellosen Körper ein, kämmte ihr Haar und nahm verstohlen einen
Spritzer von Lisas Parfüm. Sie würde es nicht merken, man roch sein eigenes
Parfüm nämlich nie selbst. Mit einem Badetuch um den Körper gewickelt trat
sie aus dem Bad heraus und wunderte sich immer noch über die Stille, die nun
in der Wohnung herrschte. War Alex schon fort?
Anna schritt umgehend in
die Küche. Keine Menschenseele. Dann ins Wohnzimmer. Dort war auch niemand
vorzufinden. Sie warf einen Blick in Lisas Schlafzimmer. Ihr Schritt
erstarrte in der Bewegung. Ihr Herz blieb stehen. Ihr Mund war der Sprache
und der Lautfähigkeit nicht imstande und ihr Blick war auf dem großen
Doppelbett einfach regungslos hängen geblieben und versuchte die Bilder an
die anderen Organe weiterzugeben. Aber es kam nicht dazu. Anna blieb
versteinert stehen, ihre Muskeln verkrampften sich und ließen vom Handtuch
los, das federleicht und leise zu Boden fiel.
Alex und Lisa schienen
sie vollkommen zu ignorieren oder schlimmer noch, hatten sie ihre
Anwesenheit gar nicht erst bemerkt? Welch ein prägnanter Moment im Leben
einer Frau! War dies der Augenblick, in dem man einfach reagiert wie es die
eigene Natur verlangt? Man tötet, man weint, man stürmt aus dem Zimmer?
Annas Gefühle fuhren mit ihr Achterbahn! Hatte sie nicht erst vor ein paar
Tagen genau diese Emotion mit sich durchgehen lassen? Hatte sie nicht gerade
eben erst aus Eifersucht gemordet? Sollte sie gar zur Massenmörderin werden?
Sie sah schon die Schlagzeilen! „Massenmörderin wieder zugeschlagen! Tötet
aus Eifersucht ihre beste Freundin und ihren Geliebten“! Was sollte sie tun?
Komisch, aber sie wusste es wirklich nicht! Nicht einmal Tränen kullerten
diesmal an ihren Wangen herab, selbst diese ließen sie gerade jetzt im
Stich!
Handlungsunfähig ließ
sie die Bilder vor sich abziehen. Es wäre ein drittklassiger Film gewesen:
Die Handlung einfach, der Höhepunkt kalkulierbar und das Ende ...
wahrscheinlich weder theatralisch noch weltbewegend, hätte sie nicht ...
Hätte sie nicht die
beiden Hauptdarsteller so gut gekannt. Dadurch wurden aus diesen Bildern
Emotionen und aus diesen Emotionen wiederum Gedanken. Anna ließ sich
unvermutet fallen in diesen Cocktail aus Bildern, Emotionen und Gedanken,
der sich unverhofft zu einem Aphrodisiakum verwandelt hatte. Ein
Liebeselixier, das Anna nun zur Voyeurin gemacht hatte. Ein agiler
Männerkörper verkeilt in weit gespreizte Beine, nackte, feuchte Schenkel mit
zuckenden Muskeln, rhythmische kreisende Bewegungen, tiefe Atemzüge,
speichelgetränkte Zungenküsse, ein hochgeschobenes Sommerkleid, eine nur bis
zu den Knien abgestreifte schwarze Hose, Stöckelschuhe, ein zerrissener
Slip, ein heruntergezogener BH, eine freigelegte Brustwarze, lange wellige
Haare auf weißen Laken ... und dann ... dann dieser eindringliche Blick, der
eben noch lustverzerrt starr auf Anna hängen blieb.
Ihre Augen hatten sich
getroffen!
Entsetzt schlug Lisa
ihre Augenlider nieder. Es war nur für einen Augenblick gewesen, doch als
sie sie wieder öffnete, stand Anna nackt vor ihr. Neue Bilder, nein,
vergessene, verdrängte Bilder durchfluteten Annas Gedanken. Bilder aus ihrer
gemeinsamen Jugend: Zärtlich berührt hatten sie einander, wissbegierig ihre
keimenden Brüste bewundert, ihre Finger in die Scheide der anderen gesteckt,
bevor sie, unwissend was kommen würde, gemeinsam zu ihrem ersten Orgasmus
gelangten. Diese Metapher, die vergessen schien, war mit einmal und einer
immensen Wucht aus der Versenkung hervorgerufen worden und hatte Anna dazu
getrieben, augenblicklich ihre Hand auf Lisas Brust zu legen.
Ein Sinnesreiz der
Lust. Wie ein Blitz fuhr er in ihren Leib, ohne ihn je verlassen zu wollen.
Es war eine egoistische, aber zugleich mitteilsame Begierde, die in ihrem
Körper brodelte, den sie nun wie in Trance an Lisas Körper schmiegte.
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