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Leseprobe:
Szene 1
Laura fiel auf, dass Takeo
Wasser trank. Sie ließ ihre Blicke durch die große Halle mit der Voliere und
den Sitzgruppen schweifen. „Dieser Ort ist verrückt.“
Takeo sagte nichts. Laura
fürchtete schon, sie habe ihn beleidigt. Schnell fuhr sie fort: „Ich meine
das nicht im schlechten Sinn. Arbeitest du gerne hier?“
„Ja.“
„Ihr tut viel dafür, nicht?
Ich meine ... Jessica hat all ihr Geld hier reingesteckt ... Habt ihr das
Haus bauen lassen?“
„Nein. Gehörte einem
Millionär, der Motorteile herstellen ließ. Jessica hat nur das Innere
verändert. Eigentlich waren es zwei Shinden – zwei Wohnhäuser.“
Irgendwie war Laura
enttäuscht, dass Takeo überhaupt nichts zu ihrem Kleid gesagt hatte.
Vielleicht war es Männern ja wirklich egal, was Frauen trugen, Hauptsache
sie konnten es ihnen schnell vom Leib reißen. Jessica kam aus ihrem Büro,
winkte Laura zu und kam herüber.
„Was ist denn?“
Jessica legte ihre Hand auf
den Arm der Schwester. „Tu mir einen Gefallen, Kleines. Die Kundin von André
möchte das Video mitnehmen, und ich habe ein Gespräch mit einer sehr
wichtigen Frau.“ Jessica warf Takeo einen bedeutungsvollen Blick zu, doch
Takeo wandte den Blick ab.
„Das Video?“
„Komm mit.“ Jessica führte
die Schwester hinunter in den Keller. Gleich am Ende der Treppe gab es eine
Tür, die Laura erst jetzt auffiel. Im Gegensatz zu den anderen Türen war sie
unauffällig gestrichen und besaß auch keine Sopraporte.
„Hier unten ist der
Überwachungsraum.“ Jessica stieß die Tür auf und drückte auf einen einfachen
Lichtschalter. Vor ihnen befand sich ein karger Raum mit nicht weniger als
zehn Bildschirmen. Vor den Monitoren stand ein schwarzer Drehsessel. Jessica
griff nach zwei Fernbedienungen und schaltete sie ein. Sie wies auf einen
der unteren mittigen Monitore, auf dem nun das Arztzimmer erschien. „Die
Kundin von André will ihr Video als Andenken mit nach Hause nehmen. Das ist
nicht unüblich, auch wenn es weit häufiger vorkommt, dass wir die Filme
sofort nach der Aufnahme löschen. Wir sehen uns auch nicht alles an. Es ist
eher als zusätzlicher Schutz bei kritischen Kunden gedacht. Gerade Sakura
hat viel erlebt, und wir müssen ihre männlichen Kunden schon zu ihrer
Sicherheit filmen.“ Jessica zog eine Grimasse. „Ich will nicht sagen, dass
Sakura gemeingefährlich ist, aber es ist besser, sie im Auge zu behalten.
Bei SM-Spielen muss man immer aufpassen, denke ich. Krankenwagen vor der Tür
sind Gift für die Publicity.“
„Und was willst du jetzt
von mir?“ Laura kratzte sich am Kopf. Die Perücke juckte auf Dauer.
„Drück auf diesen Knopf,
wenn die Kundin von André den Raum betritt. Das ist alles. Ich würde es
selbst machen, aber ich muss wieder nach oben. Es wäre eine große Hilfe.“
Laura nickte zögernd. Sie
hatte noch jede Menge Fragen über Sakura und Takeo, aber sie sah der
Schwester an, wie eilig sie es hatte wegzukommen.
Sobald Jessica fort war,
spielte Laura ein wenig an den Fernbedienungen herum. Man konnte direkt an
den Monitoren die Lautstärke lauter und leiser drehen. Mit einer einzigen
Fernbedienung ließen sich die verschiedenen Bereiche des Hauses aufrufen.
Laura fand eine Kamera, die über der Tür zu Jessicas Büro sein musste und
beobachtete Takeo am Empfang.
Sie seufzte. „Wie albern
ist das denn“, grummelte sie, aber sie schaffte es nicht, das Gerät wieder
abzuschalten. Takeo saß auf einem hohen Barhocker. Außer ihm war niemand zu
sehen. Er hielt ein Buch mit rotem Einband in den Händen und las.
Laura war fast froh, als
sich auf dem Monitor, den Jessica ihr gezeigt hatte, etwas regte. Sie
schaltete das Bild mit Takeo weg und betrachtete, was da vor sich ging.
André betrat das Ärztezimmer. Er trug einen weißen Kittel aus grobem Stoff,
der seine tiefe Bräune unterstrich. Laura musste sich eingestehen, dass er
gut aussah. Das dunkelblonde Haar und die azurblauen, funkelnden Augen
machten ihn schön wie einen Engel. Leider hatte er nicht das Gemüt eines
Engels. Jeder Schritt, jede energische Handbewegung sprach die Sprache eines
Siegers. André war derjenige, den man anzuhimmeln hatte, vor dessen langen
Beinen man niederknien sollte, nur um ihm ein Lächeln abzuringen, falls er
das unscheinbare Wesen zu seinen Füßen überhaupt bemerkte. Laura war froh,
nicht auf Männer wie André zu stehen, die einem das Leben zur Hölle machen
konnten. Andererseits – war Takeo so viel besser? Er schien sich überhaupt
nicht für sie zu interessieren. Wie eine uneinnehmbare Festung wies er sie
ab. Sie seufzte und ließ sich zurück auf den bequemen Drehstuhl fallen. Das
Polster gab unter ihr nach und gab ihr das Gefühl, in den Sessel versinken
zu können.
Mit widerwilliger
Faszination beobachtete sie André. Er sah sich prüfend im Raum um und nahm
dann hinter dem Schreibtisch Platz, vor dem ein weiterer Stuhl stand. Alles
im Raum war weiß oder aus Metall. Außer dem großen Schreibtisch gab es zwei
Regale für Ordner, einen Schrank, den man abschließen konnte und zwei
palmenähnliche Drachenbäume mit dünnen dunkelgrünen Blättern. Die
Schrankreihe auf der der Kamera abgewandten Seite konnte sie nur halb
einsehen. Mit Schaudern sah sie zu dem Untersuchungsstuhl hinüber und
stellte sich vor, auf diesem Stuhl liegen zu müssen, und heftige Abscheu
durchströmte sie. Gleichzeitig konnte sie den Blick nicht abwenden von dem
großen schwarzen Ungetüm, das mit seinen Beinauflagen in den Raum ragte.
Ein Summen ertönte, und
eine junge Asiatin in einem dunkelblauen Hosenanzug trat ein. Eilig drückte
Laura den Knopf und blieb sitzen. Eigentlich war ihr Auftrag jetzt erledigt,
sie könnte nun wieder hinauf zu Takeo gehen. Sie fragte sich, warum sie
nicht wegsah, aber sie konnte nicht. Noch nie in ihrem Leben hatte man ihr
so unverblümt die Gelegenheit geboten, sich als Voyeurin zu verlustieren.
Bestürzt merkte sie, dass
die Möglichkeit, hier heimlich zu sitzen und sich das Liebesspiel zweier
wildfremder Menschen anzusehen, eine große Faszination auf sie ausübte.
Die junge Frau im
Ärztezimmer war hübsch, zierlich und schlank. Ihre langen schwarzen Haare
waren zu einem Zopf zusammengefasst, der bis zu ihren Hüften reichte. Sie
hielt den Blick verlegen gesenkt als sie eintrat und sich vor André auf den
Stuhl setzte. Mit der rechten Hand umklammerte sie eine kleine silberne
Handtasche. Laura konnte jetzt nur ihren Rücken sehen. André lächelte. Laura
bemerkte kaum, dass sie den Ton des Monitors lauter stellte.
André stand auf und ging
langsam um die sitzende Frau herum, als sei er ein Richter, der ihren Körper
beurteilen musste. „Kontrolluntersuchung?“, fragte er knapp, während er sich
wieder in seinen Ledersessel sinken ließ.
Die fremde Japanerin senkte
den Kopf. „Ja, Sensei. Zur Kontrolle.“
„Stehen Sie auf.“
Die Japanerin gehorchte.
André ließ sie nicht aus
den Augen. Sein Gesicht war eine freundliche Maske. Seine Stimme war
höflich, aber bestimmt. „Wenn Sie sich bitte frei machen würden.“
Die Frau sah sich Hilfe
suchend um, und einen Moment lang konnte Laura ihre glitzernden Augen sehen
und ihre Zunge, die über trockene Lippen fuhr. Die Japanerin zögerte kurz,
sie schien etwas sagen zu wollen, doch Andrés fester Blick hielt sie davon
ab. Sie drehte sich ein Stück zur Seite, als wolle sie eigens für Laura die
Sicht freigeben, und blickte André unverwandt an, während sie die Knöpfe
ihres Blazers öffnete. André sagte kein Wort. Er sah ihr nur zu, wie sie
zögernd und errötend ihre Kleidung abstreifte und zu Boden fallen ließ, bis
sie in dunkelblauer Unterwäsche vor ihm stand. Ihre Brust hob und senkte
sich, und noch immer sah sie André in die Augen.
„Sehr schön“, kommentierte
André mit nichtssagender Höflichkeit. Er spielte ganz den professionellen
Arzt. „Und nun bitte den BH und das Höschen.“
Die Frau senkte den Blick
und griff nach den Trägern ihres BHs, streifte erst den rechten, dann den
linken Träger ab. Ihre Haut war leicht gebräunt und hatte vereinzelt
Sommersprossen. Der BH fiel auf ihre Bluse. Sie griff mit ihren rot
lackierten Nägeln nach dem dunkelblauen Spitzenstoff ihres Höschens und zog
die Hose langsam herab.
André regte sich nicht.
Erst dann, als sie zitternd und nackt bis auf die Schuhe vor ihm stand,
erhob er sich.
„Nehmen Sie bitte hier
drüben Platz.“ André wies auf einen Metallhocker, der neben dem großen
Untersuchungsstuhl stand.
Die Japanerin ging auf
ihren hochhackigen Sandaletten zu dem Hocker hinüber und setzte sich. Als er
bei ihr war, begann er ihren Körper abzutasten. Besonders den zarten Brüsten
widmete er seine Aufmerksamkeit. Fachkundig glitten seine Hände über die
nackte Haut. Die Schwarzhaarige stöhnte leise auf und spreizte ihre Schenkel
ein Stück. Laura konnte ihre Schamhaare nicht sehen, da André ihr im Bild
stand. Er ging leicht in die Knie und untersuchte die Schenkel der Fremden.
Laura spürte Scham und
Erregung in sich aufsteigen. Sie sollte nicht hier sein. Es gehörte sich
nicht, an den Monitoren zu sitzen und einer wildfremden Asiatin bei der
Auslebung ihrer Wünsche zuzusehen. Aber hatte Jessica sie nicht gebeten, die
Aufnahme zu machen? Wer wusste schon, wann das Band zu Ende war und
vielleicht gewechselt werden musste? Laura wusste selbst, wie billig diese
Ausrede war. Vielleicht steckte doch mehr von Jessica in ihr, als ihr lieb
war. Fasziniert rollte sie auf dem Stuhl noch ein Stück näher an den
Bildschirm heran.
Die Asiatin hatte die Augen
geschlossen und hörte auf Andrés tiefe, warme Stimme. „Feste Schenkel.
Gesunde Brüste. Sie können aufstehen und auf dem Untersuchungsstuhl Platz
nehmen.“
Laura schluckte trocken.
Sie beobachtete, wie die Fremde aufstand und sich auf das schwarze Ungetüm
setzte. Ihr schien es überhaupt nichts auszumachen.
„Legen Sie sich zurück,
Okabe-san.“
Während sich die Frau
zurücklegte, ging André zu einem Schrank und hielt, als er zurückkehrte, ein
Fläschchen und einen bunten Dildo in seiner Hand, dessen Farben aus dem
Lustgerät unverkennbar ein Spielzeug machten.
Dennoch hielt Laura kurz
die Luft an. Auch die Japanerin starrte André mit großen Augen an, doch in
ihren Augen lag weder Furcht noch Abscheu. Sie waren dunkel vor Lust.
André rieb den schön
geformten Dildo mit einer glänzenden Flüssigkeit aus der kleinen Flasche
ein.
„Wenn Sie bitte locker
bleiben würden, Okabe-san. Ich muss die Dehnbarkeit der Vagina überprüfen.“
Mit der Linken zog er ihre Schamlippen auseinander, dann stieß er zu. Die
Frau bäumte sich lustvoll auf.
Laura hätte schwören
können, Freude in Andrés Gesicht gesehen zu haben.
Szene 2
Laura wusste nicht, wodurch
sie wach wurde. Es war knapp ein Uhr. Im Nachthemd tappte sie zum Fenster
hinüber. Unter ihr lagen der Parkplatz und die Wiese in silbrigem Licht.
Sie war hellwach, fühlte
sich ausgeruht und unternehmungslustig, streifte das Nachthemd ab und
schlüpfte in einen von Jessicas Hauskimonos, den die Schwester ihr zur
Verfügung gestellt hatte, wollte noch nach der wattierten Überjacke greifen,
ließ sie dann aber doch liegen. Es war noch immer angenehm warm, und sie
fror nicht. Ihr Blick fiel auf das rubinrote Kleid, das ordentlich auf einem
Bügel aufgehängt am Schrank hing. Laura hatte es nicht über sich gebracht,
es wegzuräumen. Neue Dinge mussten betrachtet und bewundert werden. Sie trat
an das Kleid heran. Der dunkelrote Stoff schimmerte im Mondlicht. Eigentlich
war es nicht kalt, und es war so spät, dass sie vermutlich niemandem mehr
begegnen würde ... und selbst wenn ... in diesem Haus gab es nur exaltierte,
durchgeknallte Bewohnerinnen, die sich nicht daran stören würden. Laura zog
den Hauskimono wieder aus. Sie probierte das neue Kleid an und dachte an die
Unterwäsche, die Jessica ihr ausgesucht hatte und schüttelte leicht den
Kopf. Sie war eine Träumerin. Takeo würde nicht im Garten sein. Aber du
hoffst es. Laura entschied sich gegen jegliche Unterwäsche. Sie mochte
das Gefühl des kühlen, glatten Satinstoffes auf ihrer Haut.
Vorsichtig schlich sie aus
ihrem Zimmer, die Treppe hinunter zur nicht abgeschlossenen Eingangstür. Sie
trat hinaus und blieb einen Moment staunend stehen. Die Sterne blühten am
Himmel, als wollten sie sie begrüßen. Laura lächelte. Barfuß ging sie um das
Haus herum und wählte einen der verschlungenen Pfade durch den Garten.
Am Teehaus sah sie Licht.
In der steinernen Laterne vor dem kleinen Pavillon züngelten Flammen. Sie
näherte sich vorsichtig. Eigentlich wusste sie nicht recht, ob sie Lust
hatte, andere Menschen zu treffen. Dieser Ort verwirrte sie, und nachdem sie
den ganzen Tag in Begleitung der Schwester verbracht hatte, wäre es schön,
alleine zu sein.
Sie hielt inne, als sie die
Frau in dem hellroten Kimono erkannte, die rauchend vor dem Teehaus stand.
Obwohl Sakura sich nicht zu ihr umdrehte, schien sie Laura bemerkt zu haben.
„So spät noch unterwegs?“,
fragte die kleinere Frau scheinheilig.
Laura spürte ein Brennen
auf ihrem Gesäß. „Was geht es dich an?“
Sakura drehte sich zu ihr
um. Dunkle Schatten fielen auf ihr ebenmäßiges Gesicht mit den vollen
Lippen. „Takeo ist nichts für dich. Schlag ihn dir aus dem Kopf.“ Sie zog an
ihrer Zigarette und musterte Laura dabei feindlich. „Das wäre besser für
dich, glaub mir.“
„Was denkst du, wer du
bist, dass du mir Vorschriften machst?“ Laura starrte Sakura trotzig an,
zugleich schlug ihr Herz heftig. Sakura verunsicherte und kränkte sie, aber
das wollte sie sich nicht anmerken lassen.
Sakura blies ihr den Rauch
ins Gesicht, doch Laura blieb stehen, als habe sie es gar nicht bemerkt.
„Hör zu.“ Sakuras Stimme
war nun so freundlich, als spräche sie zu einem uneinsichtigen Kind, „um
Takeo glücklich zu machen, müsstest du ein anderer Mensch sein. Du bist so
uninteressant wie eine Betonmauer, und vom Sex verstehst du nicht mehr als
ein Fisch vom Fliegen. Tu dir selbst einen Gefallen und hör auf, ihn so
anzuschmachten. Es ist hoffnungslos.“
Laura wollte nicht darauf
antworten. Sakuras Worte brannten sich in ihr Gedächtnis und entfachten
glühende Zweifel in ihrem Inneren.
„Ich bin unhöflich“,
erklärte Laura so spöttisch wie möglich. Es war die übliche japanische
Formel, um sich zu entschuldigen, bevor man etwas Verwerfliches tat –
wobei Verwerfliches auch bedeutete, dass man sich entfernte. Laura wandte
Sakura den Rücken zu und ging in die Richtung des Palastes der Wünsche
davon. Sie hörte Sakuras Atem noch einen Moment, dann hatte sie das Teehaus
hinter sich gelassen und hörte nur noch das leise Plätschern von Wasser und
den Wind in den nachtschwarzen Ahorn- und Kirschbäumen.
Einen großen Bogen machte
sie um den Vordereingang des Hauses – wer wusste schon, wer von den anderen
jetzt noch Kundschaft hatte – und näherte sich dem großen, flachen
Schwimmbecken, das dunkel unter den Sternen lag. Über dem Wasser lag
leichter Dampf. Laura war froh, dass Sakura ihr nicht folgte und versuchte,
sie und ihre beleidigenden Worte zu vergessen.
Sie schrak leicht zusammen,
als sie eine schwarze Gestalt bemerkte, die zusammengekauert an der
Längsseite des Beckens verharrte. Sie wollte sich zurückziehen, als sie
Takeo erkannte. Er kniete in Seizaposition auf seinen Fersen sitzend vor dem
Wasser und blickte auf die stille Oberfläche. Aber wenn sie jetzt ging,
machte sie das zunichte, was sie wollte. Sie hatte ihn doch gesucht. Nur
deshalb hatte sie das Haus verlassen, oder? Sei mutig. Laura ging
langsam auf ihn zu. Sie erinnerte sich an die Worte von Yukiko.
Sag nichts, hatte Yukiko
gesagt, keinen einzigen Ton. Vielleicht hatte Kazuya recht, und Yukiko war
eine Zauberin.
Nach einer Ewigkeit wandte
Takeo den Kopf und sah sie an. Stumm blickte sie zurück. Mit einem Mal
fühlte Laura sich leicht und unwirklich, als sei sie nicht mehr an die Erde
gebunden. Diese Nacht gehörte der Luft, den Gedanken und Träumen. Bis auf
einen Schritt Abstand ging sie an ihn heran und verharrte. Ihre Blicke
trafen sich, und wie auf dem Flughafen fühlte Laura sich nackt und
ungeschützt, aber das Gefühl war nicht demütigend. Es war aufregend fremd
wie seine dunklen Augen. Ob er sie wegen der Sache in Sakuras Keller
verachtete? Doch in seinen Augen konnte sie keine Verachtung sehen, nur
Verlangen. Es war, als würde sein Gesicht ihre Gefühle spiegeln. Laura
wollte zu ihm gehen, ihn in die Arme schließen. Ihn küssen. Aber sie wagte
es nicht. Wie eine Statue stand sie in ihrem roten Kleid im Mondlicht und
konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Wenn sie malen könnte, hätte sie
ihn so gemalt: In dieser ernsten, geraden Haltung, leicht angespannt wie ein
wachsamer Kämpfer mit hoch erhobenem Kopf und schwarzen Haaren, die sein
Gesicht umrahmten. Sternenlicht fiel auf seine gebräunte Haut und den
glänzenden schwarzen Stoff seines Anzugs. Hinter ihm erhob sich die
Silhouette des Clubhauses. Gedämpftes Licht drang aus den Fenstern, doch es
war niemand zu hören oder zu sehen.
Plötzlich stand er auf.
Laura zuckte zusammen, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Einen verrückten
Moment dachte sie, er würde sie angreifen, doch sein Arm schlang sich um
sie, zog sie zu sich heran. Sie spürte seinen Körper, roch den herben Duft.
Der Schreck wandelte sich in fassungsloses Glück. Er war ihr gar nicht
abgeneigt. Sie war ihm nicht gleichgültig, auch wenn er kaum mit ihr
gesprochen hatte. Sie neigte den Kopf zur Seite, und wie unter einem Zwang
folgte er der Bewegung spiegelverkehrt, ihre Lippen berührten sich, lagen
leicht und warm aufeinander.
Er küsst mich,
triumphierte Laura. Es war, als habe sie nach einer langen Suche endlich
gefunden, wonach sie begehrte. Eine lange Reise war erfolgreich vorüber, und
das Glück löschte jeden anderen Gedanken aus.
Takeo hielt ihren schmalen
Kopf mit beiden Händen, während er sie wieder und wieder küsste. Laura
fühlte sich warm und leicht, getragen von seinen Armen, die sie umschlangen.
Jeder Kuss war ein Versprechen, ein aufregend verpacktes Geschenk, das nach
mehr schmeckte, und als seine Hände den langen Reißverschluss ihres Kleides
öffneten, stand sie ganz still, erwartungsvoll zitternd. Sie ließ zu, dass
er sie auszog. Anschließend entkleidete auch er sich mit wenigen geschickten
Griffen. Sein nackter Körper machte Laura sprachlos. Bis auf die Narbe auf
der linken Schulter, eine lange weiße Linie, die ein Messer verursacht
hatte, war er makellos. Und selbst die Narbe wirkte, als müsste sie dort
sein. Seine Hände legten sich auf ihre Schultern, und er betrachtete sie im
Mondlicht. Laura sah in seinen Augen Verlangen und Sehnsucht.
Ihre Hände berührten seinen
nackten Körper. Sie musste ihn erkunden, wollte jede Erhebung und Senkung
der Muskeln spüren, die glatte Haut seines Oberkörpers, die Rundungen der
Arme, die weichen Wangen. Zögernd bestaunte sie mit Hilfe ihrer Finger
seinen Körper. Sie drängte sich näher an ihn, um auch seinen Rücken zu
berühren. Takeo schloss die Augen und ließ sie gewähren. Wie ein neugieriges
Kind ein neues Wunder fühlen muss, so fasste sie ihn an. Er war ein Wunder.
Zu perfekt, um hier bei ihr zu stehen. Sie musste träumen. Vermutlich lag
sie noch immer schlafend in ihrem Bett und fühlte sich ihm nahe. Sie schloss
mit der Hand auf seiner Brust die Augen und fühlte seinen Herzschlag.
Takeo beugte sich zu ihr
herab und küsste sie erneut. Behutsam, als fürchtete er, sie aufzuwecken.
Laura erwiderte den Kuss. Er hielt ihren Kopf, sie umschlang seinen Hals.
Immer leidenschaftlicher wurden die Berührungen ihrer Zungen, dann hob er
sie auf seine Arme und trug sie über den bunten Mosaikboden zur Treppe, ohne
von ihrem Mund abzulassen. Immer wieder fanden sich ihre Lippen. Er stieg
mit ihr die Treppe hinab. Laura unterdrückte einen Aufschrei, als sie Wasser
um sich fühlte. Es war angenehm warm, fast wie die heißen Quellen in den
Bergen. Sie schlang ihre Beine um Takeos Hüften. Er roch herb, und seine
Lippen schmeckten jetzt leicht salzig.
Wieder und wieder küsste
sie ihn und konnte nicht fassen, was gerade geschah. Ihr Körper handelte
ohne ihr Zutun, ihre Finger liebkosten ihn, sie wollte ihn spüren – überall.
Sein Glied presste sich an ihr Becken, und Laura umschloss es lustvoll mit
einer Hand. Sie genoss den Blick aus seinen halbgeschlossenen Augen,
bewunderte die langen Wimpern und das ausdrucksstarke Gesicht mit der
schönen, rassigen Form.
Ich muss träumen,
dachte sie noch, während sie die Augen schloss, dabei Takeos Glied
festhaltend und reibend. Aber wenn ich träume, dann ist es ein verdammt
guter Traum.
Szene 3
Erste Sterne blinkten am
Himmel. Als Laura zwischen das Teehaus und den „Palast der Wünsche“ kam, sah
sie Takeo in der Gewandung eines Samurai. Laura blieb still stehen,
unentdeckt zwischen zwei Ahornbäumen. Sie blickte Takeo an und fühlte sich
in eine andere Zeit versetzt, eine Zeit, in der Ehre alles war, und der Tod
für die Shogune ohne Zögern in Kauf genommen wurde.
Sakura trat – in der
Interpretation einer japanischen Kleopatra – an Takeo heran und legte ihm
vertraulich die Hand auf den Arm. Laura fühlte heiße Eifersucht. Warum
durfte Sakura ihn auf eine Weise berühren, wie es ihr verwehrt war? Wütend
drückte sie sich noch näher an den Stamm des Ahornbaumes. Sakura störte den
Zauber, der um Takeo lag. Ihr Kopf mit den zahlreich geflochtenen Zöpfen
neigte sich zu seinem Ohr, während ihre Hand sich auf die Endkappe von
Takeos Katana legte. Warum durfte Sakura das Schwert berühren? Laura
erschrak, als sie sich selbst leise und bitter auflachen hörte. Sie stand
unter den Bäumen wie eine Diebin. So würde sie Takeo nie für sich gewinnen.
Takeo sagte etwas zu Sakura
und ging mit energischen Schritten in Richtung Haus davon.
Sakura blickte sich um und
trat dann direkt auf Laura zu. Laura versteifte sich. Sakura blieb zwei
Schritte vor ihr stehen. „Man könnte meinen, du seiest ein menschenscheues
Tier“, spottete sie mit einem hämischen Grinsen. Ihre schönen Augen
glitzerten wie Aquamarin. In ihre Haare waren unzählige goldene Bänder
geflochten, die im Licht der kleinen Lämpchen funkelten.
Laura trat aus dem
Schatten. „Ich mag die Nacht.“
Sakura zuckte mit den
Schultern. „Solange du bei deinen Spaziergängen nicht wieder stöhnst wie ein
wild gewordenes Eichhörnchen.“ Sie warf den Kopf zurück und imitierte Lauras
Stöhnen. „Ah, ah, em ...“
Laura spürte die Wärme in
ihrem Gesicht. Sakura musste sie in der Nacht gehört haben, als sie mit
Takeo im Pool war. Wut und Eifersucht stiegen in ihr auf.
„Immerhin hat er mit mir
geschlafen. Du kannst nur davon träumen, von Takeo genommen zu werden – aber
es wird niemals passieren.“
Sakuras Gesichtszüge
entglitten für einen Moment, Laura sah es an den Augen hinter der goldenen
Maske und an den vollen rot bemalten Lippen, die erzitterten. Dann aber
lächelte Sakura wieder und deutete eine leichte Verneigung an. „Ich wünsche
dir noch eine angenehme Nacht, mein kleines Eichhörnchen.“ Sie drehte sich
um und ging bewusst langsam davon. Laura hatte das Gefühl, sie tiefer
getroffen zu haben als beabsichtigt, und einen Moment überlegte sie sogar,
sich zu entschuldigen. Aber dann fielen ihr die Schmerzen auf ihrem Gesäß
wieder ein, die sie drei Tage lang begleitet hatten, nachdem Sakuras Kundin
Miu sie geschlagen hatte.
„Gleichfalls“, murmelte sie
und lief in die Richtung des hell erleuchteten Hauses.
Laura näherte sich dem Haus
von hinten. Immer wieder sah sie Paare, die Hand in Hand durch den Garten
gingen oder ineinander verschlungen im Schatten der Bäume standen. Die Luft
war erfüllt von einem süßen Geruch und vom Lachen und Stimmengemurmel der
Gäste.
Auf der Terrasse herrschte
reger Betrieb. Amazonen, Prinzen und Mangahelden standen in kleinen
Grüppchen zusammen, sich mit Champagner zuprostend. Es mussten knapp sechzig
Menschen sein, die sich auf dem Grundstück befanden.
Yukiko trat auf Laura zu.
Sie trug ein weißes fließendes Gewand, sah aus wie die Schneekönigin aus
Andersens Märchen und stellte eine japanische Halbgöttin dar. Wäre der
Trubel nicht gewesen, hätte man sie wirklich für eine entrückte Göttin in
wehenden weißen Schleiern halten können.
„Du denkst an unsere
Abmachung?“ Yukiko senkte kokett den Blick und hielt Laura ein langstieliges
Glas entgegen. Laura nickte und nahm das Glas mit feuchten Fingern.
„Wir werden unter den
Kirschbäumen im Südgarten sein.“
„Ich werde es mir ansehen.“
Yukiko nickte und ging zu
Hiroki hinüber, der wie üblich einen schlichten schwarzen Anzug anhatte und
nur eine schwarze Maske trug, die sein Gesicht verfremdete. Ob er einen der
Typen aus „Kill Bill“ darstellte?
Laura nahm einen großen
Schluck Champagner. Die Nacht und das Fest verwirrten sie mehr, als sie sich
selbst eingestehen wollte. Immer wieder sah sie Pärchen, die auf Matten
unter den Kirschblüten lagen und recht eindeutige Dinge taten. Im Gegensatz
zu ihrem Erlebnis im Überwachungsraum war es Laura hier peinlich, gesehen zu
werden. Sie war froh über den Fächer, den Jessi ihr gegeben hatte. Wenn ein
Mann – einmal war es auch eine Frau – zu ihr trat und sie aufforderte zu
folgen, wedelte sie schnell mit dem Fächer, was soviel wie „Nein“ bedeutete.
Laura war dankbar, eine Maske zu tragen. Die Kostümierung erlaubte es ihr,
sich weiter zu wagen als jemals zuvor. Ohne die Maske wäre sie längst
geflohen, hätte sich auf ihrem Zimmer eingeschlossen und sich selbst
befriedigt. Die Bilder und Geräusche um sie her, das leise und lautere
Stöhnen und die kaum bekleideten Körper machten sie an. In diesem Garten
würde vermutlich auch eine Nonne auf den Geschmack kommen, dachte Laura
zynisch. Sie würde ihre Zeit nicht mit einem schlechten Gewissen vergeuden.
Es ist nur Sex. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Sie wedelte ein weiteres
Mal mit dem Fächer, als ein junger Mann auf sie zutrat, und dann machte sie
sich auf den Weg zum orientalischen Empfangssaal.
Laura blieb an einer der
Mosaiksäulen stehen und starrte gebannt in die Mitte des Raumes. Die Voliere
war verschwunden. Vermutlich wollte man den Vögeln diese Geräuschkulisse
nicht zumuten. Statt dessen hing ein schwerer Leuchter mit gut vier Dutzend
brennenden Kerzen von dem eisernen Halter herab. Auch die Tische und Stühle
waren nicht mehr da. An ihrer Stelle lagen Tatamimatten auf dem Boden, die
das gesamte abgesenkte Rund ausfüllten. Auf den Matten befanden sich
mindestens zehn Menschen, die sich gegenseitig berührten.
Laura erkannte Hiroki, der
gerade auf das Rund zutrat. Er streifte sich im Gehen das Oberteil ab und
ging selbstbewusst auf eine dunkelhäutige Frau mit langen schwarzen Locken
zu, die alleine am Rand der Matten saß. Vertraulich beugte er sich zu ihr
und flüsterte in ihr Ohr. Sie stand auf und zog ihm die Hose aus. Neugierig
versuchte Laura einen Blick auf Hiroki zu erhaschen. Er stand mit dem Rücken
zu ihr, eng umschlungen von der schwarzhaarigen Schönheit mit den langen
Locken. Beide waren nun nackt und trugen nur ihre Masken. Ob er wirklich so
gut gebaut war? Aufmerksam beobachtete sie, wie die dunkelhäutige Frau sich
ein Stück von ihm löste. Hiroki drehte sich halb um und fuhr mit den Fingern
und einem Lächeln über ihr Schlüsselbein.
Laura öffnete leicht den
Mund. Was die rassige, spanisch aussehende Frau da mit beiden Händen hielt
war unheimlich! Laura presste sich noch enger an die Säule. Welche Frau nahm
das in sich auf? Durchaus beeindruckend – außergewöhnlich gut.
Hiroki stand stramm, sein
mächtiges Glied schmiegte sich in die Hände der Spanierin. Die Maskierte
beugte sich hinab und leckte neckend über seine Eichel. Hiroki sagte etwas,
und die Frau lachte. Ob Hiroki sich hier für sein späteres Zusammentreffen
mit Yukiko aufwärmte? Laura konnte sich die beiden gut zusammen vorstellen.
Yukiko, die Liebeskünstlerin, und Hiroki, das Sexwunder. Sie grinste. Hiroki
wandte sich zurück und drehte Laura somit wieder den Rücken zu. Die
dunkelhäutige Frau zog ihn hinunter auf die Matten. Er kam auf ihr zu liegen
und stützte sich mit den Armen ab. Es dauerte nicht lange, und Hiroki war
halb in ihr. Laura sah fasziniert zu. Sein Schwanz sank tief in die Scheide
der Frau, die stöhnend lustvoll den Kopf schüttelte. Verrückt. Aber es ging
tatsächlich.
Laura sah zu den anderen
Paaren.
Eine Frau kniete auf allen
vieren und bedeutete einem Mann, sie zu nehmen. Ein anderer Mann kniete vor
ihr, küsste sie und streichelte ihre Brüste. Laura trat fasziniert näher zur
nächsten Säule und blieb dort halb verborgen stehen. Fast alle trugen
altertümliche Gewandungen – wenn sie sie noch trugen, und die Kleider nicht
achtlos neben ihnen lagen. |