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Leseprobe:
Jeanne war nach der ungewohnten Prozedur des Bades erschöpft
und wollte nichts als schlafen. Müde hockte sie auf einem hölzernen Stuhl in
der Küche und dämmerte vor sich hin. Als ein Diener auf sie zutrat und ihr
winkte, ihm zu folgen erhob sie sich schlaftrunken in der Annahme, er würde
ihr einen Schlafplatz anweisen. Doch zu ihrer Überraschung führte er sie
über eine Wendeltreppe in das obere Stockwerk und öffnete zwei hohe, weiße
Türflügel. Er machte eine Kopfbewegung, die andeutete, sie solle in den Raum
hineingehen.
„Warte hier!“ sagte er barsch und schloss die Türen hinter
ihr.
Der Raum war mit kleinen, samtbezogenen Stühlen und einem
eingelegten Tischchen möbliert, an den Fenstern gingen roséfarbige Stores
aus schwerem Brokatstoff. Die obere Hälfte der Wände war mit Malereien
bedeckt. Jeanne betrachtete die Bilder mit wachsendem Entzücken. Wälder und
kleine Seen waren dort abgebildet, gefallene Säulen aus weißem Marmor auf
denen merkwürdige Wesen hockten, halb Mensch und halb Ziege. In dem
hellblauen Wasser des Sees badete eine Schar junger Mädchen. Alle waren
völlig nackt.
Jeanne errötete. Es waren nicht die unbekleideten Körper, die
sie irritierten sondern die Art wie der Maler sie dargestellt hatte. Jede
einzelne der Badenden stand in einer wohlberechneten Pose, die ihre Reize
voll zur Geltung brachte. Diese Mädchen badeten nicht – sie stellten sich
zur Schau.
Als die Tür sich öffnete, schrak sie zusammen. Vor ihr stand
der Comte.
Er musterte sie mit raschem Blick von oben bis unten, dann
lehnte er sich bequem gegen den weißen Marmorkamin ohne den Blick von ihr zu
wenden. In der Hand hielt er eine braunlederne, schmale Reitpeitsche.
„Komm her!“
Er machte eine auffordernde Bewegung mit der Hand. Jeanne tat
einige Schritte auf ihn zu und blieb dann zögernd stehen. Man hatte ihr
nach dem Bad nichts einen weiten Umhang gegeben, ihre schmutzigen,
zerrissenen Kleider waren von den Dienerinnen mit einem Ausdruck des
Abscheus davongetragen worden.
„Näher!“
Sein braunen Augen waren abschätzend und leicht amüsiert auf
sie gerichtet. Jeanne spürte plötzlich ein Kribbeln zwischen den Beinen, das
Blut stieg ihr ins Gesicht. Sie ahnte ja, woran er dachte. Das, woran alle
dachten. Pierre, der Bauer, die Knechte – wer auch immer. Auch dieser dort,
der sie jetzt mit seinen schönen braunen Augen fixierte, würde solche Dinge
im Sinn haben. Und doch hatte sie noch nie zuvor dieses seltsame Kribbeln
gespürt. Genau dort an der Stelle, an der sein Blick sie berührte.
Er sah sie immer noch an, sein Lächeln drückte Zufriedenheit
aus. Jeanne sog den Duft seines warmen Körpers ein. Ein schweres Parfüm lag
darin, aufregend und geheimnisvoll. Ihr Atem ging auf einmal rasch.
„Für eine Hühnerdiebin bist du recht hübsch.“
„Ich hatte drei Tage nichts gegessen ...“
Er hörte gar nicht hin sondern hob die Hand und fasste ihr
Haar, das noch feucht vom Bad aufgelöst über ihre Schultern hing. Er wog es
ihn der Hand und nickte anerkennend.
Es kostete ihn nur eine kleine Bewegung, ihr den Umhang vom
Körper zu reißen und sie nackt zu sehen. Sie zitterte, wartete darauf, dass
er es tun würde. Doch er tat es nicht.
„Geh dort hinüber zum Fenster!“
Verblüfft sah sie zu ihm hoch. Seine Miene war auf einmal
herrisch.
„Mach schon. Stell dich nicht so an!“
Das Fenster reichte bis zum Boden, dahinter lag der Park in
Abendnebel gehüllt und verlassen.
„Öffne den Umhang.“
Sie zitterte vor Scham und spürte zugleich ein heißes
Verlangen, ihm zu gehorchen. Langsam löste sie das Band, das den Stoff vorn
zusammenhielt und warf dann einen raschen Blick zu ihm hinüber. Es war jetzt
ein Glitzern in seinen Augen, sein Mund hatte sich ein wenig geöffnet, seine
Nasenflügel bebten. Sie spürte seine Ungeduld und genoss sie. Langsam zog
sie den Stoff auseinander, zeigte ihre Brüste, den Bauch, ließ den Umhang
über ihre Schultern gleiten und verhüllte ihre Scham mit einem Zipfel des
Stoffes,
„Du bist begabt, Hühnerdiebin ...“
Seine Stimme hatte jetzt einen anderen Klang bekommen. Sie
sah, dass sein Atem rascher ging und spürte wieder das fatale Prickeln
zwischen ihren Beinen und zugleich eine warme Feuchtigkeit. Sie drückte den
Stoff fest gegen ihre Scham. Es wurde immer schlimmer.
„Herunter damit“, befahl er.
„Aber …“, wagte sie zitternd zu widersprechen.
Er machte eine rasche Bewegung mit der Reitpeitsche.
„Nun mach schon!“, gebot er herrisch.
Sie ließ den Umhang zu Boden fallen und seine Blicke
berührten sie wie gierige, heiße Hände. Als sie von den Brüsten über den
Bauch zu dem dunklen Dreieck zwischen den Beinen glitten spürte sie ein
wildes Zucken in ihrem Inneren, ein Feuerwerk erhob sich bunt und strahlend
vor ihren Augen und sie glaubte, die Besinnung zu verlieren. Verwirrt und
erschrocken schloss sie die Augen.
„Gar nicht übel“, sagte er anerkennend.
Sie spürte, wie ein schmaler, kühler Gegenstand ihren Körper
berührte, zwischen ihren Brüsten abwärts zu ihrem Nabel strich, über ihren
Bauch glitt und um den Hügel ihrer Scham kreiste. Es war der silberne Knauf
seiner Reitpeitsche.
„Zieh dich an“, befahl er.
Damit ließ er sie stehen. Als sich die Tür hinter ihm
geschlossen hatte, hörte sie die Schritte eines Dieners hinter sich und warf
sich hastig den Umhang um die Schultern.
„Wenn Ihr mir bitte folgen wollt ...“
Jeanne war wie betäubt. Was war mit ihr geschehen? Bisher
hatte sie die Männer, die sie mit Blicken belästigten, nur gehasst. Sie
hatte dieses Anstarren, diese Berührungen als gewaltsam und verletzend
empfunden. Jetzt war es anders gewesen. Heiße Feuchte rann an der Innenseite
ihrer Schenkel herab und sie spürte immer noch, dass jede Faser ihres
Körpers sich nach seinen Blicken, nach seinen Händen sehnte.
Nur langsam kam sie wieder zu sich. Kaum bemerkte sie, dass
der distinguiert aussehende Diener, der sie vorhin noch kaum wahrgenommen
hatte, sie jetzt mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte. In ihrem Inneren
stieg Beschämung auf. Er hatte sie angestarrt und sich darüber amüsiert. Er
hatte sie taxiert und begutachtet wie eine Stute auf dem Pferdemarkt. Nie
zuvor hatte jemand sie so gedemütigt. Warum hatte sie das geschehen lassen?
***
Christian hatte sich in den roten Salon zurückgezogen und
dort in einen der Sessel fallen lassen. Was für ein Mädchen! Ein Stück
praller, irdischer Lust gepaart mit himmlischer Verführungskraft. Ein
Körper, wie für die Sinnenlust geschaffen und dabei eine bezaubernde, fast
kindliche Art. Wer hatte ihm dieses süße Wesen zugeführt? Engel oder Teufel?
Wer auch immer. Die
kleine Hühnerdiebin war tausendmal mehr Wert als der ganze Königshof. Zum
Teufel mit Ludwig und seiner Eitelkeit. |