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Leseprobe:
Der Kuss des Vampirs
Während sie Churtham in den ersten
Wochen ihres Aufenthalts kein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte,
geschah es nun täglich, dass er ihr am Abend, kurz bevor sie sich in ihr
Zimmer zurückzog, entweder am Gang oder in der Halle begegnete. Sie hatte
nach dem Tag, als sie ihm über die Geheimtreppe in diese grausige Gruft
nachgeschlichen war, mit dem Gedanken gespielt, das Schloss zu verlassen,
aber dann hatte sie es sich anders überlegt. Es war schwierig für sie, so
schnell eine andere Arbeit zu finden. Und da es völlig inakzeptabel war, in
das Haus ihrer Onkels zurückzukehren, musste sie wohl oder übel ausharren.
Churtham machte bei diesen zufälligen Treffen ohnehin keine Anstalten, sie
auch nur anzusprechen, sondern schien sie kaum zu bemerken und nickte ihr
bestenfalls mit jener Herablassung zu, die ein Mann seines Standes einer
tief unter ihm stehenden Untergebenen gegenüber zeigte. Pat verstimmte es
insgeheim, dass er sie so offensichtlich übersah, zumal sie selbst sich zu
ihrem eigenen Ärger in Gedanken viel zu viel mit ihm befasste.
Aber wenn ihr Lord Churtham selbst schon mysteriös schien, so gab ihr das
Bild in der Bibliothek noch mehr Rätsel auf. Pat ertappte sich immer öfter
dabei, wie sie während der Arbeit hochblickte, es anstarrte und dabei stets
von Neuem über die Ähnlichkeit dieses vor zweihundert Jahren verstorbenen
Mannes mit Lord Churtham verblüfft war.
Auch an diesem Abend, als sie nach dem Abendessen zurück in die Bibliothek
gegangen war, um noch einige der Bücher zu sortieren, wurden ihre Blicke
wieder wie magisch von dem kantigen Gesicht mit den scharfen, ein wenig
dämonisch blickenden Augen angezogen. Der Maler hätte den jetzigen Earl of
Barlem nicht besser und ähnlicher treffen können. Dieselben harten, aber
doch gutgeschnittenen Züge, das etwas arrogante und gleichzeitig grausame
Lächeln um den Mund, das sie zur Genüge an Churtham selbst hatte bewundern
können. Und noch etwas schien gleich zu sein: Beide wirkten sie zeitlos, wie
Wesen, die immer schon so ausgesehen hatten und niemals altern würden.
Sie
stand nachdenklich, mit vor der Brust verschränkten Armen davor und
betrachtete es, als sie plötzlich hinter sich eine Stimme hörte, die sie so
erschreckte, dass sie einen kleinen Satz nach vorn machte.
„Das Bild scheint Sie zu faszinieren, Miss Smith.“
Sie
presste die Hände auf ihr wild schlagendes Herz und wandte sich um. „Sie
scheinen die Angewohnheit zu haben, andere Leute zu überraschen, Mylord“,
stieß sie hervor.
„Es
tut mir Leid“, erwiderte er mit dieser dunklen, aber arroganten Stimme,
während sein Blick eingehend über ihr Gesicht und ihre Gestalt glitt.
„Es
sieht Ihnen sehr ähnlich“, sagte Pat, der diese Musterung unendlich peinlich
war und sie mehr verwirrte, als sie vor sich selbst zugegeben hätte.
Churtham sah gelangweilt aus, als er endlich seinen Blick von ihr löste und
das Bild betrachtete. „Tatsächlich?“
„Ein Ahnherr von Ihnen, nicht wahr?“ Jetzt, wo sie Churtham neben dem Bild
sah, war die Ähnlichkeit noch viel verblüffender.
Er
starrte auf das Bild. „Ist die Ähnlichkeit wirklich so groß?“
„Ja, sehr sogar. Sehen Sie es nicht selbst?“
„Nicht unbedingt“, erwiderte er kalt.
„Wie ist denn sein Name?“, bohrte Pat weiter. Sie wollte noch mehr über
diesen Mann auf dem Bild wissen, der sie auf den ersten Blick interessiert
hatte. Ebenso wie sein Nachkomme, der sich gleich bei ihrem ersten
Zusammentreffen ihr gegenüber so schändlich verhalten und sie in Angst und
Schrecken versetzt hatte und an den sie trotzdem – oder eben deswegen – so
oft denken musste.
„Er
war eines von jenen Geschöpfen, die nicht einmal die Hölle haben will“,
sagte Churtham kalt. „Sein Name tut nichts zur Sache.“ Er wandte sich nach
ihr um. „Und Sie braucht er ebenfalls nicht zu interessieren. Von Wesen wie
ihm sollte sich jemand wie Sie ohnehin fernhalten.“
Über Pats Rücken war wieder einer jener Schauer gelaufen, die immer dann
auftraten, wenn sie geradezu fasziniert neugierig war. „Er sieht aber nicht
böse oder schlecht aus“, sagte sie nachdenklich, „sondern eher wie ein Mann,
der wenig Licht in seinem Leben gehabt hat.“
Churthams durchdringender Blick brannte sich in ihren. „Wenig Licht…“,
wiederholte er tonlos. „Ja, das stimmt wohl.“
Pat, die es nicht mehr ertrug, dass er sie so ansah, wandte sich einem der
Bücherschränke neben dem Kamin zu. Sie wäre zwar am liebsten aus dem Zimmer
gegangen, aber sie wollte Churtham nicht zeigen, dass sie seine Gegenwart
scheute. Das ließ ihr Stolz nicht zu. Sie würde auf eine gute Gelegenheit
warten und sich dann mit aller Würde verabschieden. Sie ging die
Bücherreihen entlang, suchte wahllos Titel heraus, tat sehr geschäftig,
stapelte die Bücher sinnlos auf dem Tisch und war sich die ganze Zeit so
sehr seiner Blicke bewusst, dass ihre Hände zitterten.
„Weshalb haben Sie sich eigentlich für diese Stellung beworben? Soweit ich
aus Ihrem Schreiben ersehen habe, haben Sie nicht einmal einschlägige
Berufserfahrung.“
Pat
war erstaunt über dieses plötzliche Interesse an ihrer Person, entschloss
sich jedoch, keine Ausflüchte zu machen. „Ich wollte so schnell wie möglich
aus Brighton weg“, erwiderte sie so ruhig, wie es ihr unter diesem prüfenden
Blick möglich war, der ihre Haarspitzen zum Knistern brachte. Was hatte
dieser Mann nur an sich, das sie so beunruhigen konnte?
„Sagen Sie nicht, Sie hätten Ihre Herrschaft bestohlen“, sagte Churtham
spöttisch, „und mussten deshalb flüchten.“
„Ich wollte nur nicht verheiratet werden“, entgegnete sie verärgert.
Seine Augenbrauen gingen mit spöttischem Interesse hoch. „Verheiratet mit
wem?“
„Mit einem Mann“, sagte sie kurz angebunden.
„Tatsächlich? Jetzt bin ich überrascht.“ Um seine Lippen spielte ein
mokantes Lächeln.
Pat
wurde rot und wandte sich wieder ab. Es wäre jetzt höchste Zeit gewesen,
Gute Nacht zu sagen, aber irgendetwas hielt sie in seiner Nähe fest. Sie tat
so, als würde sie ihn nicht beachten, obwohl ihre Knie unter seinen Blicken
weich wurden. Und zu allem Überfluss fiel ihr wieder ein, wie er sie berührt
hatte. Noch immer vermochte sie seine Hand auf ihrer Haut spüren, das zarte
Streicheln, mit dem seine Finger von ihrer Wange zu ihrem Hals geglitten
waren. Wie eine Liebkosung war es gewesen, verführerisch und doch
beängstigend. Es war völlig widersinnig und wenn sie nicht eine so
nüchterne, moderne Frau gewesen wäre, hätte sie geschworen, dass dieser Mann
irgendeinen dunklen Zauber auf sie gelegt hatte. Unauffällig betrachtete sie
aus den Augenwinkeln sein Gesicht. Es war trotz seines arroganten Ausdrucks
anziehend. Seine Augen waren faszinierend und seine Lippen schmal und
männlich. Sie hatte sich, alleine in ihrem Zimmer und auch während der
Arbeit, wohl schon hundert Mal vorgestellt, wie es sein musste, seine Lippen
auf den ihren zu fühlen. Eine unsinnige Idee, die sie nicht loswerden
konnte. Dabei hätte sie nach diesem grauenvollen Abend in der Gruft viel
mehr Grund gehabt, ihn nie wieder sehen zu wollen.
Sie
zuckte zusammen, als er auf sie zukam.
„Gute Nacht, Miss Smith.“
„Gute Nacht, Mylord.“ Sie wollte ihn nicht ansehen, aber als er ihr seine
Hand hinhielt, blieb ihr nichts anderes übrig und sie legte ihre zögernd
hinein.
Er
stand jetzt so nahe, dass ein kleiner Schritt genügte, um ihn zu berühren.
Es war verrückt, unverständlich und geradezu liederlich von ihr, dass sie
genau das auch wollte. Bei einem Mann, den sie kaum kannte und der außer
seinem anziehenden Äußeren nichts an sich hatte, was für ihn sprach. Im
Gegenteil. Er war unhöflich, arrogant und…
Als
er diesen Schritt tatsächlich tat und so dicht vor sie hintrat, dass sie die
Wärme seines Körpers fühlen konnte, schnappte sie nach Luft. Wie
unerträglich warm und stickig es doch plötzlich im Raum geworden war. So
warm, dass sie kaum atmen konnte.
Er
war so nahe, dass er nur ein wenig den Kopf vorbeugen musste, um sie küssen
zu können. „Weshalb sind Sie ihm davongelaufen?“
„Wem davongelaufen?“ Sie konnte kaum den Blick von seinen Lippen lösen,
obwohl sie verzweifelt versuchte, sich auf sein kunstvoll und elegant
gebundenes Halstuch zu konzentrieren.
„Dem Mann, mit dem man Sie verheiraten wollte.“ Seine Stimme klang ruhig,
aber Pat vermeinte, eine gewisse Spannung darin zu hören.
„Ich… konnte ihn nicht ausstehen.“
Ein
langsames Lächeln erschien auf seinen Lippen, wie sie es noch nie bei einem
anderen Menschen bemerkt hatte. Es war das überlegene Lächeln eines Mannes,
dem nichts mehr fremd war. Der schon Dinge im Leben gesehen hatte, von denen
sie nicht einmal ahnte, dass sie überhaupt existierten, und der dabei so
ungemein anziehend und überwältigend romantisch aussah. Weitaus romantischer
als sämtliche Helden der Romane, die sie bisher gelesen hatte. Außerdem
wurde ihr heiß, richtig undamenhaft heiß…
„Hat er Sie geküsst?“
Sie
wollte heftig den Kopf schütteln, brachte jedoch angesichts seiner Nähe nur
ein undeutliches „Nein“ hervor.
„Welch ein Narr…“ Sie atmete zitternd ein, als er die Hände um ihr Gesicht
legte und es zu sich emporhob. Während seine rechte Hand in ihren Nacken
glitt, sie dort streichelte, mit seinen Fingern in ihr Haar fuhr, berührte
er mit dem Mittelfinger der anderen Hand ihre Lippen, fuhr die zart
geschwungenen Linien nach, streichelte zart darüber. Es kitzelte, machte sie
nervös, erweckte etwas in ihr, das ihr fremd war. Seine Augen, in deren
Tiefen wieder dieses hellblaue Glimmen war, schienen sich an ihren Lippen
festzusaugen, während sie wie betäubt dastand und unfähig war, sich zu
rühren oder auch nur den Kopf wegzudrehen.
Im
Gegenteil, der Wunsch nach dieser Berührung wurde immer heftiger, bis sie
die Lippen etwas öffnete und seinem Finger so Gelegenheit gab, sie
intensiver zu streicheln, bis dorthin, wo ihr Mund warm und feucht war. Ihr
eigener Wille schmolz unter seinen Berührungen und seinem Blick dahin, sie
schloss die Augen und zu ihrem eigenen Erstaunen ertappte sie sich dabei,
wie sie ihm ihre Zungenspitze entgegenschob, seinen Finger damit berührte.
Sie war schon geküsst worden. Nicht von ihrem unwillkommenen Verlobten,
sondern vor etwa vier Jahren, von einem jugendlichen Verehrer, in den sie
sich tatsächlich ein wenig verliebt gehabt hatte. Sie war neugierig gewesen
und hatte nachgegeben, als er sie im Garten des Hauses heimlich geküsst
hatte. Seine Zunge hatte sich zwischen ihre Lippen und ihre Zähne geschoben
und nach der ihren gesucht. Sie hatte still gehalten, einerseits abgestoßen
von dieser intimen Vertraulichkeit, andererseits voller Neugier.
Aber das hier war anders. Ein weitaus intensiveres Gefühl eines Kusses, auch
wenn sein Mund den ihren nicht einmal berührte. Sie schloss ihre Lippen um
seinen Finger, saugte leicht daran und ließ ihre Zungenspitze darum kreisen.
Ganz langsam und bedächtig, während sie die Augen schloss und kein Gedanke
daran in ihr hochstieg, dass das, was sie hier tat, wohl äußerst ungehörig
war. Sie dachte überhaupt nicht in diesem Moment, fühlte nur, gab sich einem
Zauber hin, der sie ganz erfüllte. Die Finger seiner anderen Hand spielten
warm an ihrem Nacken, ließen kleine Flammen über ihre Haut und durch ihren
Körper wandern, streichelten, liebkosten, erweckten in ihr neue und
beängstigende Gefühle und Sehnsüchte. Es war, als wäre sie plötzlich von
Fieber befallen, heiße und kalte Schauer rannten über ihren Leib, ließen
ihre Knie zittern und ihr Herz so laut schlagen, dass sie glaubte, es müsse
zerspringen.
Sie
stieß ein leises Seufzen aus, als er sich von ihr zurückzog. Dieses zarte
und doch intensive Spiel konnte nur wenige Minuten gedauert haben, aber Pat
hatte das Gefühl, als wäre die Zeit stehen geblieben. Sie öffnete erst die
Augen, als sie seinen schweren Atem hörte. Sein Gesicht war dicht vor ihrem
und obwohl sie vor dem Glühen in seinen Augen hätte erschrecken müssen,
hatte sie keine Angst. Auch nicht vor dem unverhohlenen Begehren, das aus
seinem Blick sprach und sie bis zu Stellen erwärmte, über die eine sittsame
junge Frau nicht einmal nachdachte. Sie hätte so gerne das Samtband gelöst,
das sein dichtes schwarzes Haar hinten zusammenhielt, um dann mit beiden
Händen hineinzugreifen und seinen Kopf zu sich herunterzuziehen. Sie blieb
jedoch blieb reglos stehen und starrte ihn nur an. Endlich wandte er sich
ohne ein weiteres Wort ab und verließ den Raum.
Und
ließ Pat in einem Aufruhr der Gefühle zurück, wie sie ihn bisher noch nie
verspürt hatte.
Im Harem des Prinzen
Als Prinz Ahmed an diesem Abend kam, trugen zwei
Dienerinnen ein niedriges Tischchen herein, auf denen kostbar geschnitzte
Schachfiguren aufgebaut waren. Er ließ es an das Becken stellen, dort, wo
sie auch saßen, wenn sie ihre Leselektionen erhielt, und bedeutete Fedora,
sich auf die andere Seite des Brettes zu setzen.
„Du sagtest doch, dass du spielen kannst“, sagte
er, als er den überraschten Blick sah, mit dem sie ihm gegenüber auf einem
Kissen Platz nahm.
„Mein Vater hat es mich gelehrt“, erwiderte sie
erfreut, „schon als ich noch ein kleines Kind war. Es birgt schöne
Erinnerungen für mich.“
„Nun, dann hoffe ich, dass auch das heutige Spiel
zu deiner Zufriedenheit ausfallen wird“, sagte er mit einem seltsamen
Lächeln. „Du hast die weißen Steine und damit den ersten Zug.“
Als Fedora einen der Bauern um zwei Felder
weiterrücken wollte, hob er die Hand. „Einen Moment noch, meine gelehrte
Byzantinerin. Wir wollen um etwas spielen. Das gibt dem Spiel mehr Reiz.“
Sie sah ihn erstaunt an. „Worum sollen wir denn
spielen?“
Er öffnete eine Schatulle, die eine Dienerin
hereingebracht und neben ihn gestellt hatte, und Fedora sah, dass sie bis
oben hin gefüllt war mit Juwelen und Perlen. „Hier. Für jeden meiner Steine,
der von dir geschlagen wird, erhältst du ein Stück aus dieser Schatulle. Du
kannst es dir selbst aussuchen.“
Fedora nickte langsam. „Aber ich habe keine
Schatulle voller Schmuckstücke…“
„Dann wirst du mir eben für jeden Stein den ich
schlage, eines deiner Kleidungsstücke geben.“
Fedora sah an sich herab und errötete. Sie hatte
ein etwa knielanges seidiges Hemd an, darunter weite Hosen, die an den
Fesseln zusammengebunden waren, an den Füßen steckten reichbestickte
Pantöffelchen und um die Schultern trug sie das schützende Tuch, in das sie
sich immer hüllte, wenn der Prinz sie besuchte. Kurzentschlossen zog sie die
Perlenschnur aus dem Haar, mit dem Hayana, ihre Dienerin, ihre Locken
zurückgehalten hatte. „Ich kann das hier einsetzen!“
„Wenn es genügen sollte“, erwiderte Ahmed mit einem
leichten Lächeln. Er machte eine auffordernde Bewegung, „Dann beginnen wir
also.“
Fedora, die das Schachspiel so gut beherrschte,
dass sie nicht nur ihren Vater sondern auch viele andere Männer am Hof des
Kaisers darin besiegt hatte, nickte nur. Der Prinz mochte vielleicht ein
guter Spieler sein, aber er würde große Mühe haben, gegen sie zu gewinnen.
Der Verlauf des Spiels schien ihr auch Recht zu
geben. Sie schlug eine Figur des Prinzen nach der anderen und suchte dann
triumphierend die schönsten und glitzerndsten Juwelen aus der Schatulle, die
ihr bereitwillig hingehalten wurde.
Als Ahmed nur noch wenige Spielsteine übrig hatte
und schon absehbar war, wer der Sieger in diesem Spiel bleiben würde,
seufzte er. „Ich fürchte, meine kluge Byzantinerin, ich habe in dir meinen
Meister gefunden. Auch meine anderen Frauen spielen Schach, aber noch keine
konnte mich besiegen.“
„Spielt Ihr dabei auch um denselben Einsatz?“
fragte Fedora spitz.
Ahmed blickte von dem Brett auf, das er finster
gemustert hatte, und lachte. „Gewiss! Welcher andere würde sich schon
lohnen?“
„Dann solltet Ihr das Spiel vielleicht heute noch
einmal bei Euren Frauen wiederholen“, erwiderte sie, seltsam verstimmt.
„Ja,…vielleicht…“ Er sah sie nicht mehr an, sondern
strich sich mit der Hand über den Bart, schon wieder ganz vertieft in seinen
nächsten Zug. „Es sieht zwar fast hoffnungslos aus“, murmelte er dann, „aber
ich bin nicht der Mann, der frühzeitig aufgibt…“ Er schob den letzten seiner
Türme um zwei Felder weiter, bevor er Fedora anblinzelte, „Die Dame ist in
Gefahr, meine Byzantinerin. In großer Gefahr.“
Fedora stützte den Kopf in die Hände und dachte
nach. Es war unglaublich, wie sie ihm blindlings in diese Falle getappt war!
Aber das konnte nur Zufall sein. Bisher hatte er eher gedankenlos gespielt,…
kein Gegner für sie.
Zwei Züge später lag bereits Fedoras Perlenkette
neben dem Prinzen. Dann ihr Schal. Schließlich ihr rechter Pantoffel, der
linke und als er lächelnd einen weiteren Stein vom Brett nahm, legte sie
unwillkürlich ihre Arme um den Körper.
„Ihr werdet doch nicht wirklich darauf bestehen,
dass ich Euch ein weiteres meiner Kleidungsstücke gebe!“ fragte sie
entsetzt.
Er hob erstaunt die Augenbrauen und deutete auf den
kleinen Haufen Juwelen, der neben Fedora lag. „Aber das war so vereinbart.
Du hast doch ebenfalls deinen Gewinn erhalten.“
„Dann gebe ich ihn Euch hiermit zurück“, erwiderte
Fedora rasch, erleichtert aufatmend, weil ihr diese Lösung eingefallen war.
Der Prinz winkte ab. „Das war nicht vereinbart.“ Er
streckte die Hand aus. „Dein Hemd, meine Byzantinerin.“
Fedora warf ihm einen bitterbösen Blick zu, erhob
sich und streifte die leichte Hose ab. Dann warf sie ihm den zarten Stoff
hinüber und kniete sich so vor das Brett, dass ihr Hemd ihre Knie und Beine
bedeckte.
Beim nächsten Zug erhielt sie wieder ein Juwel aus
der Schatulle, aber diesmal konnte sie ihre Freude daran nicht mehr
genießen. Und dann schlug Ahmed ihre Dame.
„Die Dame ist geschlagen“, sagte er ruhig und ohne
sie anzusehen. „Gib mir dein letztes Kleidungsstück.
„Nein, das könnt Ihr nicht von mir verlangen!“
„Wir hatten eine Abmachung. Oder willst du mir
beweisen, dass Ihr Byzantiner einen Vertrag nicht einhalten könnt?“
Fedora streifte das Hemd über den Kopf, sich hastig
das lange Haar nach vor frisierend. Es fiel in weichen Locken über ihre
Brüste und bedeckte sie fast völlig. Sie warf Ahmed einen scharfen Blick zu,
aber der schien völlig auf das Schachbrett konzentriert zu sein. „Was
erhalte ich, wenn ich dich schachmatt setze?“ fragte er plötzlich.
„Ich habe nichts mehr auszuziehen“, zischte Fedora
ihn wütend an. „Oder sollte Euch das etwa entgangen sein?“
Sein Blick ruhte immer noch auf den übrigen
Schachfiguren. „Wenn ich dich schachmatt setze, dann wirst du aufstehen,
sodass ich dich ansehen kann.“
„Nein!“
Er hob den Kopf und Fedora legte schützend ihre
Arme vor den Körper als sein Blick sie traf. „Doch.“
Fedora starrte auf das Schachbrett und überlegte.
Es war aussichtslos. Wie schnell sich das Blatt doch zu seinen Gunsten
gewendet hatte! „Ihr habt mich vorhin gewinnen lassen“, sagte sie, als sie
die Wahrheit erkannte. „Ihr habt Eure Figuren geopfert, um mich in
Sicherheit zu wiegen. Das war wohl von Anfang an Euer Plan!“
„Stimmt“, entgegnete Ahmed ungerührt.
„Das war nicht sehr edel von Euch!“
Zu ihrem Ärger lachte er. „Meine schöne
Byzantinerin, was erwartest du von mir? Ich bin nur ein Mann, der mit einer
sehr reizvollen Frau Schach spielt und versucht, einen Vorteil daraus zu
ziehen. Außerdem – es war ein ehrenhaftes Spiel. Du hattest deine Chance und
ich hatte sie ebenfalls. Und nun tu deinen nächsten Zug.“
„Wozu? Jeder kann sehen, dass Ihr ohnehin gewonnen
habt!“ Fedora wischte mit einer wütenden Handbewegung die verbliebenen
Steine vom Brett. Dann überwand sie sich und stand auf. „Ihr sollt nicht
sagen, wir Byzantiner stünden nicht zu unserem Wort“, sagte sie zornig.
Ahmed blickte zu ihr auf, sein Blick glitt über
sie. „Stell dich dort hin, zu den Kerzen, damit ich dich deutlicher sehen
kann.“
Fedora tat die wenigen Schritte, die Lippen fest
zusammengepresst.
„Und jetzt dreh dich um.“ Seine Stimme klang sanft,
aber es lag ein Ton darin, der Fedora frösteln ließ. Jedoch nicht aus Angst,
vielmehr aus… Sie dachte diesen Gedanken nicht zu Ende, sondern drehte sich
langsam herum, kehrte ihm ihren Rücken zu und drehte sich dann weiter. Als
er sich ebenfalls erhob und näher kam, senkte sie den Kopf. Er berührte sie
jedoch nicht, sondern schob nur vorsichtig ihr Haar zu Seite und legte es
über ihre Schultern.
„Und jetzt sieh mich an.“
Fedora hob den Kopf ohne es wirklich zu wollen und
als sie in seine Augen blickte, brannte ein seltsames Feuern darin.
Sekundenlang blickte er sie ernst an, dann lächelte er, „War das tatsächlich
so schlimm für dich?“
Er lachte auf, als sie ihn wütend anblitzte, und
wandte sich zum Gehen. „Bis morgen, meine stolze Stute. Es ist soweit. Ich
werde dich morgen rufen lassen, um mit deiner Zähmung zu beginnen. Halte
dich bereit.“
Fedora drehte den Kopf weg, aber tief in ihr war
eine Neugier erwacht und eine Sehnsucht, der sie noch keinen Namen geben
wollte.
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