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Leseprobe 1:
„Nein“, wimmerte sie
schwach. „Nein, lass mich. Ich will nicht.“
„Oh, doch! Du willst … und
wie du willst.“
Seine Zunge zog eine
feuchte Spur über ihre Wange, ihren Hals und den Nacken. Es durchströmte sie
heiß-kalt, als sie plötzlich spürte, wie er sich mit seinen Zähnen an dem
Verschluss ihres BHs zu schaffen machte. Sie wollte schluchzen und schreien
zugleich: Hör auf! Doch er verführte sie dazu, still zu halten wie ein
Kaninchen in der Falle. Genau so fühlte sie sich. Hilflos dem Jäger
ausgeliefert, bemüht darum, der Hitze in ihrem Schoß Einhalt zu gebieten.
Louis’ Hand fuhr genüsslich
in ihre Hose, als sich plötzlich ein Schatten über Jesses Gesicht legte.
Atemlos blickte sie in die dunklen unergründlichen Augen ihres Gegenübers
auf. Sie fühlte sich nackt und beschämt. Dieser Mann hätte sie nicht in
einer solchen Lage erwischen sollen, obwohl sie nicht hätte sagen können,
warum sie so empfand. Sie hätte froh sein sollen, dass endlich jemand auf
dieses schändliche Treiben aufmerksam wurde. Doch anstatt ihn um Hilfe
anzuflehen, senkte sie den Blick zu Boden.
Dass Louis von ihrem BH
abließ und mit der Zunge wieder ihren Nacken hinauffuhr, nahm sie gar nicht
mehr wahr. Die bloße Anwesenheit dieses fremden Mannes versetzte sie in eine
unerträgliche Benommenheit. Die Wirklichkeit verschwamm und alles um sie
herum fühlte sich nicht länger echt an. Alles – bis auf seine Augen. Aber
sie sahen durch Jesse hindurch. Sie nahmen Louis ins Visier, der keine
Anstalten machte, von seinem Opfer abzulassen
„Was soll das?“ Die Stimme
des Fremden durchschnitt die Stille wie ein scharfes Messer.
„Was soll was?“ Louis
knabberte an ihrem Ohrläppchen. Jesse zog die Schulterblätter zusammen. Die
Hitze in ihrem Körper erlosch. Zurück blieb eine Kälte, die sie erstarren
ließ.
„Du kennst die Regeln.“
„Na und?“ Mit einem
spöttischen Lachen reagierte Louis auf die Zurechtweisung. „Ich werde sie
trotzdem nicht gehen lassen!“
Seine Hand unter Jesses
Kinn verstärkte den Druck. Sie schaffte es nicht länger, ihren Blick gesenkt
zu halten. Louis presste ihren Kopf in eine unangenehme Haltung zurück. So
war sie gezwungen, dem Fremden direkt ins Gesicht zu sehen. Voller Scham
bemühte sie sich, die aufsteigenden Tränen fortzublinzeln.
„Offensichtlich befindet
sich diese junge Dame nicht freiwillig in deiner Gesellschaft. Du wirst sie
sofort loslassen!“, befahl der Mann.
Louis lachte schallend auf.
Er amüsierte sich so sehr, dass sein Körper sich förmlich schüttelte und in
einem Vibrieren auf Jesse überging. Der Seidenschal, der ihre Hände
zusammenhielt, löste sich. Sie drückte ihre Unterarme mit aller Kraft
auseinander, so dass der Stoff von ihr abfiel. Mit Hilfe ihrer Hände wollte
sie sich nun von Louis’ gewaltsamer Berührung befreien, doch er hielt sie
mit einem äußerst starken Griff fest. Einzig der Druck unter ihrem Kinn
schwand nun.
„Du kannst mir nichts
befehlen – Andrew!“ Wie eine bittere Pille spuckte er den Namen des Fremden
aus.
„Du weißt genau, dass ich
das kann.“ Sein Körper strahlte eine überlegene Ruhe aus. Langsam näherte er
sich dem Paar. „Wenn du sie jetzt freiwillig gehen lässt, wird das keine
Konsequenzen für dich haben. Wenn nicht …“
Ein merkwürdiges Geräusch
vernahm Jesse in ihrem Nacken. Ein Zischen, ähnlich dem Fauchen einer
angriffslustigen Katze. Die Situation verwirrte und beängstigte sie. Der
fremde Mann – Andrew – schritt nun offensichtlich auf Louis zu, bereit, sich
einer Konfrontation zu stellen.
„Was dann?“
Etwas Spitzes fuhr
bedrohlich über Jesses Hals und schickte einen eisigen Schauder durch ihren
Körper. Was war das? Ein Messer? Aber nein, redete sie sich selbst ein, es
musste eine Sinnestäuschung sein, denn beide Hände von Louis hielten sie ja
fest.
„Louis! Halt dich zurück!“
Das Gesicht des fremden Mannes verzog sich nun vor Wut. Seine Augen blitzten
wild auf. In ihnen lag etwas, dass Jesse zugleich Furcht einflößte, aber das
sie auch anziehend empfand.
Ihr Herz setzte für einen
Schlag aus, als er sie mit seinem Blick streifte. Im nächsten Augenblick
wurde sie jäh in die Realität zurückgeschleudert. Louis riss brutal an ihren
Armen. Er verdrehte sie und drückte so fest zu, dass sie glaubte, ihr
Blutfluss würde unterbrochen werden. Eiseskälte schoss in ihre Fingerspitzen
und ließ sie taub werden. Sie versuchte sich zu wehren. Ihre Bemühungen
versagten jedoch kläglich. Er war einfach zu stark für sie.
„Was geht es dich an? Was
kümmert sie dich?“, fragte er Andrew herausfordernd. Er wollte sich nicht in
die Schranken weisen lassen. „Geh und suche dir eine eigene Spielgefährtin!
Die hier gehört mir!“ Grob schleuderte er Jesse herum. Seine Hände glitten
gierig über ihre Taille und hinauf zu ihren kleinen festen Brüsten. Sie
spürte, wie sich sein Glied nun zwischen ihre Schenkel presste. Er wollte
sie besitzen. Auf der Stelle. Und er machte kein Geheimnis daraus.
„Du lässt sie sofort
gehen!“, beharrte der Fremde. „Du kennst die Regeln. Also hör endlich auf
mit deinen Spielchen!“
Louis bebte vor Erregung
und Verlangen. Das war längst kein Spiel mehr für ihn. Er hatte seine Wahl
getroffen. Jesse sollte seine Sklavin sein. Die Frau, die er entführen
wollte in eine Welt, die sie niemals für möglich halten würde. Er konnte ihr
so viel bieten. Sie befriedigen wie kein Mann zuvor.
Dann geschah alles so
schnell, dass Jesse nicht recht wusste, was um sie herum passierte.
Dunkelheit umfing sie. Das fauchende Geräusch erklang erneut, dieses Mal
jedoch eindringlicher. Beängstigend. Alles in ihr zuckte zusammen und sie
verkroch sich in eine Ecke, ohne zu wissen, wo sie sich befand.
Die Männer beschimpften
sich mit Worten, die sie nicht verstehen konnte. Sie flüsterten, als würden
sie sich gegenseitig verfluchen. Mehrmals polterte es. Der Boden, auf dem
Jesse kauerte, erbebte. Die letzten Worte, die Louis schrie, hallten durch
den Flur. Daraufhin herrschte Stille.
Weicher Stoff und ein
vertrauter Geruch legten sich auf ihre Wange.
„Ihre Jacke“, hörte sie den
fremden Mann mit seiner warmen Stimme sagen. „Die sollten Sie überziehen.
Oder wollen Sie so durch den Club?“
Jesse sah an ihrem
Oberkörper hinab. Ihre zerrissene Bluse hatte sie vollkommen vergessen. Erst
jetzt fiel ihr auf, wie lächerlich sie aussehen musste – halbnackt und
hilflos gegen die Wand gepresst.
Ungeschickt strauchelnd
richtete sie sich auf. Sie bemühte sich, die Stofffetzen ihrer Kleidung
zusammenzufügen. Doch vergebens! Ihre Bluse war nicht mehr zu retten.
Endlich griff sie dankbar
nach ihrer Jacke, die Andrew geduldig hielt. Er beobachtete eingehend, wie
Jesse damit ihre Blöße bedeckte.
„Danke“, presste sie
hervor.
„Immer wieder gern.“ Er
grinste unverschämt – aber nur für einen kurzen Augenblick. Dann bot er ihr
die Hand, um sie zu stützen. Zaghaft nahm sie seine Hilfe an. Seite an Seite
schritten sie schweigend durch den langen, schwach beleuchteten Flur. Wohin
Louis verschwunden war, wusste Jesse nicht. Sie wollte es auch gar nicht
wissen. Bei dem Gedanken, er könne ihr erneut irgendwo auflauern, wurde ihr
jedoch ganz mulmig zumute. Ihre Knie fühlten sich weich an.
„Ich werde Sie
selbstverständlich nach Hause bringen“, erriet Andrew ihre Befürchtungen.
Sie blickte ihn von der
Seite an und versuchte einzuschätzen, ob sie ihm trauen konnte. Aber sein
Gesicht wirkte wie eine verschlossene Tür. Nicht das Geringste war aus
seinen Zügen zu lesen.
„Das ist sehr freundlich
von Ihnen. Aber das ist wirklich nicht nötig. Ich kann sehr gut …“ Jesse
stockte. Sie konnte ihre eigenen Worte nicht begreifen. Warum sagte sie so
etwas?
Andrew drehte sie halb
herum, so dass sie sich direkt gegenüber standen. Er legte eine Hand unter
ihr Kinn und hob es mit einer sanften, beinahe zärtlichen Geste an. „Sie
können sehr gut auf sich alleine aufpassen? Das wollten Sie doch sagen
oder?“
Jesse wollte etwas
erwidern. Aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie konnte einfach nur stumm
dastehen. Ihre Gedanken kreisten wild durcheinander. Dieser fremde Mann nahm
sie mit seiner unglaublich betörenden Ausstrahlung schlichtweg gefangen.
Seine Augen funkelten in einem geheimnisvollen dunklen Ton. Sie waren so
tief und unergründlich wie ein Ozean. Er hatte ein feinkantiges Gesicht und
halblanges schwarzes Haar. Der vornehme Anzug, den er trug, umschmiegte
seinen Körper locker. Trotzdem verriet er eine gut gebaute Statur. Obendrein
verströmte Andrew einen angenehmen Geruch, der sich wie Balsam auf Jesses
Atemwege legte. Sie war versucht, sich ihm in die Arme zu werfen – und ihr
wurde schwindelig bei dem Gedanken daran.
„Nein, keine Widerrede!“ Er
fing sie auf, bevor sie sich geschwächt gegen die Wand lehnen konnte. „Ich
werde Sie jetzt nach Hause bringen.“
Sie lächelte dankbar.
Jesse fühlte sich der
Ohnmacht nahe. Die ganze Situation machte ihr mehr zu schaffen, als sie sich
selbst eingestehen wollte. Sie war komplett verwirrt und wusste nicht mehr,
was sie von dieser Stadt und ihren Bewohnern eigentlich halten sollte.
Andrew wiederum spielte den
perfekten Gentleman. Er trug sie halb die Treppenstufen hinunter und legte
den Arm um ihre Schulter, um sie vor den neugierigen Blicken der Club-Gäste
zu schützen.
Draußen angekommen
fröstelte Jesse, als Andrew sich wieder ein Stück von ihr entfernte. Seine
Nähe war so angenehm gewesen. Bei ihm hatte sie ganz andere Gefühle als bei
Louis. Andrew brachte sie dazu, sich wohlzufühlen. Dabei kannte sie diesen
Mann gar nicht.
Er brachte sie zu einem
schicken, nachtschwarzen Porsche. Jesse staunte nicht schlecht, als sie das
Auto erblickte.
„Das ist Ihrer?“
„Natürlich.“ Er tat, als
wäre das eine Selbstverständlichkeit. Lässig öffnete er die Beifahrertür und
half ihr beim Einsteigen.
Jesse konnte es gar nicht
glauben. Da hatte sie gerade ein wundervoller, gut aussehender Mann vor
einem schändlichen Verbrecher gerettet und brachte sie nun auch noch in
einem solch noblen Gefährt nach Hause – oder besser gesagt, zu ihrer
vorübergehenden Bleibe.
Sie fühlte sich wie in
einem Traum.
Andrew ließ sich neben ihr
hinter das Lenkrad sinken und startete den Motor. Als sie diesen Mann so von
der Seite betrachtete, spürte sie ein Kribbeln in der Magengegend. Er war zu
gut, um wahr zu sein. Und genau das war der Punkt! Was trieb ihn selbst in
diesen Club? Hatte er Louis nicht Befehle erteilen wollen? Die beiden
mussten sich kennen – und vielleicht gab es da auch eine Verbindung zwischen
ihnen, die Andrew nicht mehr ganz so perfekt erscheinen lassen würde.
Ernüchtert rutschte Jesse
tiefer in den Sitz.
„Wohin darf ich Sie
bringen?“
„Rue du Béguinage.“
„Ah“, er nickte wissend,
„dann wohnen Sie gewiss bei Marvin Rochelle.“
„Sie kennen ihn?“
Allmählich wurde Jesse misstrauisch. Was wusste sie schon von Andrew – und
was wusste er von ihr?
Auf irgendeine
unergründliche Weise schien er ihre Gedanken lesen zu können, denn er
lächelte amüsiert. Er sah sich um und lenkte seinen Wagen aus der Parklücke.
„Wissen Sie“, er warf ihr
einen kurzen Seitenblick zu, „Marvin ist ein alter Bekannter von mir. Er
erwähnte vor ein paar Tagen, dass er eine junge Dame aus England erwartet,
die in der Galerie Celeste arbeiten wird.“
„Und Sie wissen, dass ich
diese junge Dame bin?“ Jesse kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
Sie funkelte ihn an – wie eine Katze, bereit, ihre Krallen auszufahren.
„Nun, Sie sind ohne Zweifel
Engländerin, wie ich Ihrem Akzent entnehmen darf.“
Darauf fiel ihr partout
keine passende Erwiderung ein. Sie wandte sich ab und starrte schweigend
durch die Windschutzscheibe. Ihre Zweifel mochten an den Haaren
herbeigezogen sein, soviel gestand sie sich ein. Aber ob sie ihm wirklich
über den Weg trauen wollte, konnte sie noch nicht entscheiden.
Je länger die Stille um sie
herum anhielt, umso eingeengter fühlte sie sich in dem Porsche. Sie wollte
aussteigen, um Andrew nicht mehr so dicht bei sich zu haben und sehnte sich
dennoch nach seinen Händen auf ihrem Körper. Plötzlich tanzten die wildesten
Fantasien durch ihre Gedanken und Jesse fühlte sich nicht in der Lage,
dagegen anzukämpfen. Ein leises enttäuschtes Seufzen kam über ihre Lippen,
als der Wagen anhielt. Sie hatte das Seufzen nicht verhindern können und
Andrew war es offensichtlich nicht entgangen. Trotzdem entstieg sie dem
Wagen ohne Umschweife und verabschiedete sich. Viel zu kurz, wie sie sich im
Nachhinein vorwarf.
Aber vielleicht war es auch
besser so.
Leseprobe 2:
Unschlüssig stand Jesse in
der von bunten Lichtern erleuchteten Seitenstraße. Vor vielen Türen der
Restaurants standen die Kellner und bemühten sich, Gäste anzulocken. Doch
Jesse reagierte gar nicht auf deren aufdringliche Gesten. Sie hatte nur
Augen für den im schwachem rötlichem Schein liegenden Eingang des „Club
Noir“. In verschnörkelten Buchstaben thronte der Name am oberen Türrahmen.
Sollte sie sich einen Ruck geben und erneut hineingehen? Aber sie konnte den
Gedanken nicht ertragen, Andrew nicht zu finden – oder schlimmer noch – von
ihm abgewiesen zu werden. Sie rang mit sich selbst und wollte schon wieder
kehrtmachen, als die Tür knarrend aufschwang. Jesse versuchte ins Innere zu
spähen, erkannte jedoch nichts als Dunkelheit darin.
Schließlich gab sie sich
einen Ruck. Was sollte auch passieren? Sie würde hineingehen, einen Drink
nehmen und wenn sie genügend Mut aufbrachte, nach Andrew suchen. Dieser
aufdringliche Louis würde sie doch bestimmt kein zweites Mal belästigen.
Alle Zweifel über Bord
werfend, trat Jesse auf den Eingang zu. Er wirkte längst nicht so einladend
oder anziehend wie bei ihrem ersten Besuch. Die schwach beleuchtete und
verlassene Tür machte eher einen abweisenden Eindruck. Trotzdem schob sie
sich durch den offenen Spalt hindurch und tauchte erneut in die mit Rauch
geschwängerte Atmosphäre ein.
Die dröhnende Musik klang
viel zu laut. Mit dumpfen Pochen schlug sie Jesse aufs Gemüt und vernebelte
ihre Sinne. Frauen in aufreizenden Lack- und Lederkostümen drängten sich an
ihr vorbei. Sie kicherten aufgeregt, bevor sie in einer Seitentür
verschwanden. Ein hoch gewachsener, äußert attraktiver Mann war ihnen in
einigem Abstand mit langsamen Schritten auf den Fersen. Er blieb stehen und
musterte Jesse eingehend, bevor er den Frauen durch die Tür folgte.
Das Dröhnen setzte
plötzlich aus. Stattdessen spielte nun eine sanfte, helle Musik auf.
Ganz wohl war Jesse nicht,
doch sie bahnte sich tapfer ihren Weg durch den belebten Innenraum, stets
nach Andrew Ausschau haltend.
Der langhaarige Barkeeper
erkannte sie sofort wieder. Er trug eine goldene Weste, die mehr von seinem
durchtrainierten Oberkörper zeigte, als sie verdeckte. Einem heißblütigen
Verführer gleich lehnte er sich über den Tresen in ihre Richtung vor.
„Hübsche Lady.“ Er
zwinkerte genau wie bei ihrem ersten Besuch. „Wieder ganz allein hier?“
Sie ignorierte die Frage.
Nachdem sie sich noch einmal kurz umgesehen hatte, beugte auch sie sich
näher zu ihm. „Können Sie mir sagen, wo ich Andrew finde?“
„Andrew?“ Angewidert verzog
er das Gesicht, um gleich darauf mit dem Kopf zu schütteln. „Nein, heute
Abend habe ich ihn noch nicht gesehen. Tut mir wirklich sehr Leid.“
Aus irgendeinem Grund
glaubte sie nicht, dass er die Wahrheit sagte. Sie betrachtete ihn kritisch,
beschloss allerdings, die Sache auf sich beruhen zu lassen.
„Einen Martini, bitte“,
sagte sie.
„Sofort.“ Und tatsächlich
stand das Getränk im selben Augenblick vor ihrer Nase.
„A votre santé!“ Eine
aufreizend gekleidete Rothaarige stieß unverhofft mit ihr an. Sie lehnte
sich seitlich auf die Theke. Ihre Augen blitzten auf. Um den Zeigefinger
ihrer einen Hand wickelte sie eine Strähne ihres lockigen Haares. Mit der
anderen hielt sie das Glas an ihren grinsenden Mund.
„Ich habe Sie hier doch
schon mal gesehen.“
Jesse versteifte sich. Am
liebsten hätte sie diese aufdringliche Person einfach ignoriert.
„Ja. Gestern“, sagte sie
stattdessen, ohne die Frau anzusehen.
„Hmmm …“, machte die und
genehmigte sich einen weiteren Schluck ihres Getränks. Voller Genuss fuhr
sie dann mit der Zungenspitze über ihre feuchten Lippen. Neckisch reckte sie
sich Jesse entgegen.
„Aber gestern sind Sie
nicht alleine gewesen.“
Jesse zuckte entgeistert
zurück. Jetzt hatte die Rothaarige doch ihren Blick auf sich gezogen. Sie
lächelte äußerst selbstgefällig.
„Und er hat Sie sogar nach
Hause gebracht.“
„Was soll das? Was wollen
Sie von mir?“
Die Frau verzog schmollend
den Mund. Sie leerte ihr Glas mit einem Zug und schob es über die
Thekenoberfläche von sich.
„Vielleicht wollte ich nur
mit Ihnen plaudern.“
Beleidigt wandte sie sich
ab und wollte gehen. Aus einem Impuls heraus sprang Jesse ihr jedoch
hinterher und hielt sie am Arm zurück.
„Warten Sie! Es tut mir
Leid. Das habe nicht so gemeint. Es ist nur …“
„Ach so.“ Die Rothaarige
zog belustigt eine Augenbraue hoch. „Sie wissen noch nicht, wie das hier im
Club läuft.“
Jesse starrte sie irritiert
an. Sie verstand nicht, was in diesem Club wie laufen sollte. Erst als sie
nun aufsah und etwas genauer durch den Innenraum spähte, bemerkte sie, dass
sich die anwesenden Frauen ausnahmslos in knappe und sexy Outfits hüllten.
Jede von ihnen zeigte mehr Haut als Jesse. Zwischen all den anderen musste
sie wie eine verkalkte Gouvernante wirken.
„Eigentlich suche ich
Andrew“, bemühte sie sich aus dieser unangenehmen Situation zu befreien.
„Sie wissen nicht zufällig, wo ich ihn finde?“
„Doch.“ Die Rothaarige
spielte erneut mit einer Haarsträhne. „Zufällig weiß ich das.“
Jesse starrte sie gebannt
an. Warum verriet sie es ihr dann nicht auch, sondern amüsierte sich
vielmehr bei diesem merkwürdigen Spiel, das sie trieb?
Sie lachte auf. „Kommen
Sie.“ Geschwind fasste sie Jesse bei der Hand und zog sie mitten durch den
Raum, so dass viele der Gäste auf die beiden Frauen aufmerksam wurden und
ihnen nachschauten. Sie kamen in den Gang, den Jesse bereits an der Seite
von Louis durchschritten hatte. Bei dem Gedanken daran durchfuhr sie ein
eiskalter Schauder. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend fragte sie sich,
was sie hier eigentlich tat.
Dann ließ die Rothaarige
mit einem Mal von ihr ab.
„Sehen Sie die Tür dort?“
„Mit dem goldenen Schild?“
„Genau.“
Sie schob Jesse in die
Richtung und war selbst im Begriff, in einer anderen Seitentür zu
verschwinden.
„Aber da steht ‚privat’.“
„Ich dachte, Sie suchen
nach Andrew.“
Jesse nickte.
„Dann werden Sie ihn dort
finden.“
Mit diesen Worten schlüpfte
die Rothaarige in einen Raum, aus dem sanfte Musikklänge und der Duft von
Lavendel auf den Flur drangen. Kurz erklang ein belustigtes Lachen. Dann
wurde es still um Jesse. Das Treiben der Clubgäste schien meilenweit von ihr
entfernt.
Nur zaghaft setzte sie
einen Fuß vor den anderen. Unschlüssig blieb sie vor der Tür stehen. Woher
sollte sie wissen, ob Andrew tatsächlich dahinter auf sie wartete? Es wäre
ganz bestimmt klüger, wenn sie jetzt ging. Sie drehte sich halb herum und
starrte in den Flur. Fußboden und Wände waren mit einem dunklen Rot
verkleidet. Von der Decke hingen kleine kugelförmige Leuchten, die nur einen
schwachen Lichtschein boten.
Sie gab sich einen Ruck.
Ohne weiter darüber nachzudenken, klopfte sie an die Tür.
Es dauerte nur wenige
Augenblicke, da erklang von drinnen auch schon eine unfreundliche Stimme,
die Jesse zusammenfahren ließ.
„Herein!“
Nun gab es kein Zurück
mehr. Sie konnte nicht fassen, wie sehr sie mit einem Mal zu zittern begann.
Aber sie wollte mutig sein, drückte die Klinke hinunter und trat ein.
Da saß er – in einem hohen
Sessel – die Arme gebieterisch auf den Lehnen ruhend. Er wirkte anmutig wie
eine Statue.
Um ihn herum standen vier
weitere Männer. Sie konnten ihre Neugier, was diesen unverhofften Besuch
anging, kaum verbergen. Was Jesse jedoch am meisten schockierte, war die
Frau, die Andrew zugewandt am Schreibtisch lehnte. Sie trug ein
durchsichtiges weißes Spitzenhemd. Ihre schlanken Beine steckten in einer
Netzstrumpfhose und mit einem Fuß fuhr sie gerade genüsslich über Andrews
Oberschenkel. An dem Verschluss seiner Hose verharrte sie sekundenlang,
bevor sie sich provozierend zu Jesse umwandte.
Andrew schob den Fuß
beiseite und erhob sich. Er ignorierte die dreisten Annäherungsversuche des
leicht bekleideten Mädchens.
Nun wandte er sich
eindeutig an Jesse. Sie erschauderte bei dem Anblick, den er ihr bot.
„Warum hast du mich hier
aufgesucht?“ Wut sprach deutlich aus seinen dunklen Augen. Er funkelte sie
wild an. Die Sanftmut und Zärtlichkeit, die sie in der letzten Nacht durch
ihn erfahren hatte, existierten nicht mehr. Es versetzte ihr einen Stich
direkt ins Herz. Sie spürte, wie es ihren Körper eiskalt durchfuhr und ihr
die Kehle zuschnürte. Ängstlich wich sie zurück.
„Ich dachte nur …“
Ja – was hatte sie gedacht?
Wieder und wieder hämmerte diese Frage auf ihr Gemüt und zwang sie beinahe
in die Knie. Ihre zitterige Gestalt suchte nach einem festen Halt. Immer
weiter ging sie rückwärts durch die Tür zurück.
Sie hatte gedacht – gestand
sie sich ein – Andrew würde sie mit offenen Armen empfangen. Seinen Körper
glücklich an den ihren schmiegen und mit ihr in eine Wunderwelt der
ekstatischen Gefühle versinken.
Genau das war es, was sie
wollte! Der Wirklichkeit entfliehen und stattdessen in den starken und
beschützenden Armen dieses Mannes liegen. Aber warum verhielt er sich mit
einem Mal so abweisend? Sie konnte nicht verstehen, was sich in der kurzen
Zeit zwischen sie gestellt hatte. Den Gedanken, sie wäre nicht mehr als ein
einfacher One-Night-Stand für ihn gewesen, verdrängte sie. Das konnte
unmöglich sein! Niemals hätte sie sich so sehr getäuscht. Da war ein Funke
in seinen unergründlichen Augen gewesen, der von Zutrauen gesprochen hatte.
Sie musste nur genau hinsehen, um ihn erneut zu entdecken.
Aber alles, was sie in
diesem Moment erkannte, sprach von grausamer Kälte. Sie wand sich unter den
Blicken der Anwesenden, die plötzlich auf ihr brannten. Jeder von ihnen
starrte sie an und keiner machte dabei einen freundlichen Eindruck.
„Es tut mir Leid“,
stammelte Jesse. „Ich wollte nicht stören.“
Sie machte auf dem Absatz
kehrt und stürmte so schnell hinaus, wie sie nur konnte. Das Lachen der
anderen hallte ihr noch bis hinaus auf die Straße in den Ohren. Wie hatte
sie nur so dumm sein können?
Tränen rannen über ihre
Wangen, als sie den Bürgersteig entlanglief. Sie wollte fort – einfach nur
fort – und Andrew niemals wieder sehen! |