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Leseprobe:
Szene 1
Pascals Körper
vibrierte. Er spürte, wie sich ein immer intensiver werdendes Hämmern durch
seinen Brustkorb zog. Es lähmte ihn auf unerklärliche Weise. Und als er
schon glaubte, es könnte gar nicht mehr schlimmer kommen, krümmte er sich
vor Schmerz zusammen. Ein heftiger Krampf ergriff Besitz von ihm.
Der Morgen war
angebrochen. Obwohl Pascal in seinem düsteren Versteck keinen Sonnenstrahl
sehen konnte, wusste er es. Er erlebte den Anbruch des Tages wie nie zuvor.
Denn für gewöhnlich befand er sich zu diesem Zeitpunkt längst in einem
tiefen Schlaf. Nicht aber an diesem Morgen.
Das Verlassen Isabellas
quälte ihn. Er fühlte ihre Angst und die aufkommende Panik, die sie nervös
nach ihren Sachen greifen ließ. Sie konnte den Club gar nicht schnell genug
wieder verlassen. Als die Tür schließlich hinter ihr ins Schloss fiel, sank
Pascal in sich zusammen. Die Anspannung verflog jäh. Zurück blieb der
Geschmack einer unerklärlichen Macht.
Pascal blieb eine Weile
still liegen und starrte in die Dunkelheit. Er hatte auf sein Versteck in
einer kleinen Kammer, direkt neben dem Schlafzimmer, zurückgreifen müssen.
Ein unbequemer Ort mit nicht viel mehr Mobiliar als einem Bett und einem
winzigen Schrank.
Viel lieber wäre er
allerdings auf der anderen Seite der Tür gewesen, um Isabella am Gehen zu
hindern. Wie hatte er nur so verrückt sein können und hoffen, sie würde
freiwillig bleiben und auf ihn warten? Er verstand sich selbst nicht. Seine
Gefühle. Vor allem aber diese merkwürdigen Körperreaktionen seit dem Sex mit
Isabella. Etwas Ähnliches hatte er bei keiner Frau zuvor verspürt.
War es das, was Andrew
so verändert hatte?
Er musste sich ganz
einfach dagegen wehren. Verflucht sollte er für seine Schwäche sein!
Er war ein mächtiger
Vampir, der alles haben konnte, was er nur wollte. Diese Frau – Isabella –
spielte keine Rolle. Sie war nur eine ganz gewöhnliche Frau. Nichts
Besonderes. Das sagte Pascal sich immer und immer wieder, bis er schließlich
doch noch seinen tiefen, todesgleichen Schlaf fand.
****
Verwirrt stolperte
Isabella durch die Straßen. Sie versuchte sich an das zu erinnern, was vor
ihrem Aufenthalt in dem Vampir-Club geschehen war. Es schien in so weiter
Ferne zu liegen, dass sie es kaum greifen konnte.
Louisa. Hatte die
Freundin sie nicht davor gewarnt, dorthin zu gehen?
Isabella fragte sich,
wie spät es eigentlich war. Sie hatte für diesen Tag gewiss schon eine oder
mehrere Vorlesungen verpasst. Louisa würde sich vermutlich Sorgen machen.
Vor der Tür einer
Apotheke entdeckte sie eine digitale Uhrzeitangabe. Erst in diesem Moment
wurde ihr bewusst, wie schwer der Kopf auf ihren Schultern lastete. Alles
dröhnte und rauschte. Sie fühlte sich sogar ein wenig benommen. Dennoch
registrierte sie die Uhrzeit: 8.35 Uhr. Überraschend früh, wie sie sich
selbst eingestand. Dann ging sie weiter, ohne in der Apotheke nach einem
Medikament zu fragen. Was hätte sie auch verlangen sollen? Ein
Anti-Vampir-Serum? Man hätte sie ausgelacht. Ganz sicher.
Wenige Augenblicke
später erreichte Isabella ihre Wohnung. Automatisch fischte sie ein
Werbeprospekt aus dem Briefkastenschlitz und klemmte es sich unter den Arm.
In ihrer Handtasche wühlte sie nach dem Schlüssel. Ein kurzer Schreck
durchfuhr ihre Glieder, als sie ihn nicht auf Anhieb fand. Doch schließlich
stießen ihre Finger gegen das erlösende Metall. Sie schloss auf, stieg die
wenigen Treppenstufen empor und öffnete die Tür zu ihrer Wohnung. Im Flur
wäre sie beinahe zusammengebrochen. Taumelnd, mit der Wand als Stütze,
erreichte sie ihr Wohnzimmer und ließ sich der Länge nach auf das Sofa
fallen.
Ihr Herz klopfte zum
Zerspringen. Die Bilder in ihrem Kopf würden sie noch in den Wahnsinn
treiben. Immer wieder schob sich dieser blonde Verführer in ihre Gedanken.
Sie wusste nicht, wie sie eigentlich in seine Arme geraten war. Doch sie
spürte, wie sehr sie seine Berührungen genossen hatte. So sehr, dass sie am
liebsten an gar nichts anderes mehr denken wollte.
Wie primitiv du bist,
schimpfte sie sich selbst!
Und doch seufzte sie und
schlang die Arme energisch um eines der Sofakissen, als sie nun so da lag
und vor sich hin schlummerte.
***
Gegen Mittag wurde sie
von einem permanenten Klingeln, begleitet mit stürmischen Klopfen an ihrer
Tür, in die Realität zurückgeschleudert.
„Isabella! Mach doch
endlich auf! Ich weiß, dass du da drin bist! Man hat dich reingehen sehen!“
Louisa?
Isabella kämpfte sich
vom Sofa hoch. Für einen grauenhaften Moment glaubte sie, ihr Kopf würde nun
endgültig zerspringen. Dann stand sie auf den Füßen. Blinzelnd betrachtete
sie ihr Umfeld.
„Isabella!“
Das Klingeln stach wie
ein Messer auf ihren Schädel ein.
„Verdammt noch mal“,
fluchte sie. „Ich komme ja schon!“
Sie stolperte zur Tür.
Dabei knickte sie um und schimpfte nur noch mehr vor sich hin. Ihre Füße
steckten nach wie vor in den hochhackigen Schuhen, die sie nun wütend in die
Ecke schleuderte. Endlich erreichte sie die Klinke und drückte sie hinunter.
Sogleich wurde die Tür von außen mit einem derartigen Ruck aufgerissen, dass
es Isabella beinahe erneut umhaute. Sie sprang zurück und starrte Louisa mit
weit aufgerissenen Augen an.
„Bist du verrückt
geworden?!“
Louisa legte den Kopf
schief und betrachtete ihre Freundin abschätzend. „Das fragst du mich? Was
ist eigentlich los mit dir?“
„Was soll schon mit mir
los sein? Gar nichts.“ Isabella wandte sich ab. Sie verspürte auf einmal den
Drang, sich ablenken zu müssen. Sich mit irgendetwas zu beschäftigen. Nur
reden wollte sie nicht. Daher marschierte sie schnurstracks in die Küche.
Sie räumte einige Geschirrstücke aus vollkommen undurchsichtigen Gründen von
einem Fleck zum anderen.
Louisa war ihr
währenddessen gefolgt, lehnte nun im Türrahmen und beobachtete Isabella.
Diese griff nun nach der Kaffeekanne und füllte sie mit Wasser.
„Möchtest du auch?“,
fragte sie, ohne aufzusehen. „Ich könnte jetzt einen vertragen.“
„Isa“, ihre Freundin
seufzte, „ich sag’s dir nicht gerne, aber du siehst schrecklich aus. Was ist
passiert?“
Anstatt endlich von dem
Club und den Vampiren zu erzählen, wich Isabella jedoch erneut aus. „Ich
weiß nicht, was du meinst. Ich war auf einer Feier. Ist spät geworden. Und
ich hab bis eben geschlafen.“ Sie nahm einen Kaffeefilter aus einer
Halterung an der Wand. „Auf dem Sofa.“
„Auf dem Sofa? In den
Klamotten?“
„Ja.“
„Und die Nacht davor?“
Isabella nahm eine
Metalldose von ihrem Küchenregal und schaufelte daraus das Kaffeepulver in
die Maschine.
„Da haben wir doch
gelernt“, gab sie tonlos zur Antwort.
„Nein.“ Louisa
schüttelte den Kopf. „Das war vor zwei Nächten.“
Mit einem Mal wurde es
Isabella schwindelig. Die Metalldose wäre ihr beinahe aus den Händen
geglitten und zu Boden gefallen. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie
suchte an der Kante der Arbeitsfläche nach einem Halt, da sie fürchtete,
ohnmächtig zu werden.
„Vor zwei Nächten?“
Im nächsten Moment war
Louisa an ihrer Seite. Vorsichtig streckte sie eine Hand nach der Freundin
aus.
„Alice hat mir ziemlich
wirres Zeug erzählt. – Von dem Club, in dem sie dich angeblich gesehen hat.
Sie meinte, die Leute da würden dich umbringen. Aber sie sagte auch, dass
wir nicht zur Polizei gehen dürften, weil diese Leute uns dann ebenfalls
umbringen würden.“ Louisa wirkte verzweifelt. „Ich habe mir wirklich Sorgen
gemacht. Ich wäre heute Nacht selbst in den Club gegangen, wenn ich dich
nicht gefunden hätte.“
Viel länger konnte
Isabella nicht an sich halten. Sie fiel ihrer Freundin einfach in die Arme.
„Tut mir leid“,
nuschelte sie.
***
Isabella konnte sich ihr
gestörtes Zeitverhältnis nur durch Drogeneinfluss erklären. Der erste Vampir
musste ihr schon an der Bar etwas in ihr Getränk gemischt haben. An die
darauffolgenden Geschehnisse erinnerte sie sich lediglich vage. Er hatte
versucht, ihren Willen zu brechen, und er hatte von ihrem Blut getrunken.
Wie auch der Blonde. Allerdings auf eine ganz andere Weise. Sie gestand sich
ein, dass sie sich gegen Letzteren vermutlich nicht einmal unter vollem
Bewusstsein ihrer Handlungen gewehrt hätte.
Sie wünschte sich nichts
mehr, als ein besseres Bild von ihm in ihrem Kopf. In Wahrheit war es
unheimlich verschwommen.
Seufzend stützte sie ihr
Kinn in der Handfläche ab. Mittlerweile saßen Louisa und sie am Küchentisch
und tranken Kaffee. Vorher hatte sich ihre Freundin auf den Weg gemacht, um
Brötchen und Croissants zu holen. Sie befand, dass Isabella endlich etwas
essen musste. Doch diese nagte nur sparsam wie eine Maus an einem der
Croissants.
„Drogen also?“ Louisa
zog die Nase kraus. „Das ist ja furchtbar. Du solltest sie anzeigen.“
„Nein.“ Isabella winkte
ab. „Ich habe sie ja auch genommen. Ich bin genauso Schuld.“
Sie hatte keine Ahnung,
aus welchem Grund sie Louisa anlog. Aber sie wusste, dass es besser war, die
Wahrheit für sich zu behalten.
Vampire!
Ein irrsinniges Lächeln
schlich sich in Isabellas Züge. Sie hatte sie also tatsächlich gefunden.
Diese Wesen der Nacht. Düstere Gestalten, denen sie nur um ein Haar
entkommen war. Oder hatte der Blonde sie absichtlich wieder laufen lassen?
Szene 2
Alice saß hilflos in der
Falle. Ihr Peiniger war ein Vampir. Ein mächtiger seiner Art. Unter anderen
Umständen hätte sie sich ganz sicher zu ihm hingezogen gefühlt. Selbst in
ihrer momentanen Lage musste sie sich eingestehen, dass sie ein wohliges
Kribbeln nicht vollkommen unterdrücken konnte. Eine kühle Eleganz umgab ihn.
Er durchbrach die Finsternis auf eine Weise, die ihr einen Schauder über den
Rücken jagte. Sein scharf geschnittenes Gesicht zeigte oftmals einen
strengen Ausdruck. Sie hatte ihn nie ausgelassen oder scherzend erlebt. Nie
hatte er sich kopflos in all die Vergnügen des Club Noir gestürzt. Stets
blieb er ernsthaft und beherrscht. Er war einer von den Vampiren, die selbst
seinesgleichen Furcht einflößten. Wozu war dieses Wesen wohl alles fähig?
Alice mochte gar nicht
daran denken, warum er Isabella so dringend finden wollte. Sie suchte
händeringend nach einem Ausweg. Aber sie fand keinen. Ausgenommen den, sich
selbst zu opfern und ins Verderben zu stürzen. Diesen Schritt war sie jedoch
nicht bereit zu tun. Da gab es ein gewisses Maß an Egoismus, das ihr sagte,
sie sollte lieber ihre eigene Haut retten.
Isabella war den Klauen
der Vampire schon einmal entkommen. Sie würde es sicher wieder schaffen.
Zumindest beruhigte Alice mit diesem Gedanken ihr Gewissen, während sie an
der Seite von Pascal die Straßen von Brüssel durchquerte.
Passanten kreuzten ihren
Weg, und mehr als einmal war Alice versucht, sie um Hilfe anzuflehen. Aber
vermutlich hätten die Menschen sie nur ausgelacht. So ging sie schweigend
weiter. Sie führte den Vampir zu der ahnungslosen Isabella.
Alice seufzte.
Arme Isabella!
Pascal blickte sie von
der Seite an, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Wieder durchströmte es sie
heiß und kalt. Sie wusste nicht, ob er womöglich über diese Fähigkeit
verfügte.
Er schmunzelte wie zur
Bestätigung.
„Wie weit ist es noch?“,
durchbrach Pascal das Schweigen. Er hatte alle Mühe, seine Abscheu für diese
törichte Blondine zu verbergen. Sie verriet ihre Freundin, um ihre eigene
Haut zu retten. Und ganz nebenbei begaffte sie ihn permanent wie eine
fleischgewordene Frauenfantasie. Bevor er sich jedoch fragen konnte, warum
er sich daran mit einem Mal störte, blieb Alice abrupt stehen.
„Eigentlich ...“, sie
stockte und hüllte sich erneut in stummes Verharren.
Pascal wartete
seelenruhig ab. Sein frostiger Blick würde das Übrige tun, um sie zitternd
vor Angst zum Reden zu bringen.
Doch es geschah gar
nichts. Sie starrte einfach nur auf eine Häuserfront auf der
gegenüberliegenden Straßenseite.
Schließlich konnte
Pascal nicht mehr an sich halten. Am liebsten hätte er sie gepackt und
geschüttelt, begnügte sich jedoch mit einer schlichten Nachfrage.
„Eigentlich was?“
Alice schluckte.
„Eigentlich sind wir
fast da.“ Sie hob eine Hand und deutete mit dem Zeigefinger voraus. „In dem
Haus. Eine Parterre-Wohnung mit Terrasse und einem kleinen Gartenstück auf
der anderen Seite.“ Alice konnte nicht sagen, aus welchem Grund diese
Informationen willenlos aus ihr heraussprudelten. Natürlich wies sie Pascal
damit eine Möglichkeit, die er sogleich aufgriff.
„Das erleichtert die
Sache erheblich.“ Er war wild entschlossen, über die Terrasse in Isabellas
Wohnung einzusteigen.
„Du wirst ihr doch
nichts tun?“, platzte es aus Alice heraus, als wäre ihr der Gedanke gerade
erst gekommen.
„Nein.“ Mit diesem
schlichten Wort ließ er sie einfach stehen. Wenn er wollte, konnte er sich
so schnell bewegen, dass menschliche Augen ihn nicht wahrnahmen. Auf eben
diese Art entfernte er sich von ihr.
Im nächsten Moment hatte
er ihre Existenz auch schon vergessen. Alles, was er spürte, war die
Gegenwart von Isabella. Sie hielt sich in ihrer Wohnung auf. Sie war ihm so
unglaublich nahe, dass die Erinnerung an ihren Körper auf seiner Haut
brannte.
Kurz verwünschte er sich
für die Schwäche, die sie in ihm auslöste. Dann schlüpfte er mit einem
seiner vampirischen Tricks durch die Terrassentür in die Wohnung.
***
Isabella musste nicht
lange warten. Louisa meldete sich gleich nach dem zweiten Klingelton am
anderen Ende der Telefonleitung. Sie tat, als hätte sie bereits mit dem
Anruf der Freundin gerechnet. Ihre Besorgnis war überpräsent, so dass
Isabella am liebsten gleich wieder aufgelegt hätte. Sie wollte ein
unbefangenes Gespräch führen. Doch Louisa erdrückte sie mit ihrer
Fürsorglichkeit.
„Ich hätte gleich bei
dir bleiben sollen“, ereiferte sie sich. „Wie konnte ich dich nur alleine
lassen? In deinem Zustand.“
„Du tust ja gerade so,
als wäre ich sterbenskrank.“ Isabella sank verzweifelt in ihr Sofa zurück.
Sie hielt den Hörer zwischen ihrem Ohr und der Schulter eingeklemmt. „Es ist
alles in Ordnung. Wirklich.“
Louisa schwieg für einen
kurzen Moment.
„Du rufst an, um mir das
zu sagen? Dass alles in Ordnung ist?“ Sie schnappte nach Luft.
Isabella seufzte.
„Bitte, mach dir keine Sorgen. Ich wollte nur mit irgendjemandem sprechen.“
„Irgendjemand“,
wiederholte Louisa. Sie klang beleidigt.
Noch während Isabella
sich fragte, was ihre Freundin eigentlich von ihr erwartete, verlangte etwas
ganz anderes nach ihrer Aufmerksamkeit. Plötzlich erstarrte sie vor Schreck.
Ihr Herzschlag schien kurz auszusetzen. Sämtliche Farbe wich aus ihrem
Gesicht, bis sie beinahe wie eine kalkweiße Statue wirkte. Bewegungsunfähig
starrte sie den Eindringling an.
Da war er. Der Blonde.
„Isabella?“
Sie hatte gar nicht
bemerkt, wie ihr der Hörer aus der Hand gefallen war. Nervös griff sie ihn
wieder auf.
„Ich muss jetzt Schluss
machen. Ich melde mich später wieder.“
Entgegen Louisas
lautstarken Protestes legte sie auf. Sie starrte den Eindringling an.
Er kam aus seinem
düsteren Versteck gekrochen und richtete sich direkt vor ihr zu seiner
vollen, atemberaubenden Größe auf. Seine eisblauen Augen blitzten. Sie
durchbohrten Isabella bis auf den Grund ihrer Seele. Es nötigte ihr ein
Schaudern ab.
Umschmeichelt wurden
seine markanten Gesichtszüge von den Strähnen seines langen blonden Haars.
Sie wehten leicht in dem Wind, der durch ein offenes Fensters in das Zimmer
strömte.
Genauso hatte Isabella
ihn sich vorgestellt. Es war wie ein Traum, aus dem sie niemals erwachen
wollte. Sie wünschte sich so sehr, dass er sie augenblicklich an sich riss,
ihren Oberkörper zurückbog, um sanft ihre Kehle entlangzustreichen und sie
zu küssen. Vielleicht würde er sie beißen. Das war ihr allerdings vollkommen
gleichgültig. Allein der Gedanke, die Hitze der Lust mit ihm gemeinsam zu
spüren, beflügelte sie, und ließ sie alles andere vergessen.
„Nimm mich!“, wollte sie
ihm entgegenschreien, wurde sich aber im gleichen Moment ihres lächerlichen
Verhaltens bewusst. Sie hielt sich eine Hand vor den Mund, als hätte sie
tatsächlich etwas dergleichen gesagt.
„Ich wollte dich nicht
erschrecken.“ Seine Stimme klang sanft. Sie schmeichelte ihrem Gehör. Dazu
bewegte er sich vorsichtig auf sie zu. Wie eine Raubkatze. War sie etwa
seine Beute?
Erschrocken keuchte
Isabella auf. Mit einem Satz sprang sie vom Sofa und brachte eine
angemessene Entfernung zwischen sich und ihn. So leicht würde sie es ihm
nicht machen! In der Opferrolle gefiel sie sich ganz und gar nicht.
Er blieb stehen. Ruhig
wartete er ab, was sie als nächstes tun würde. Doch auch sie hielt inne –
und so standen sie sich eine Weile lauernd gegenüber. Beide versuchten den
anderen einzuschätzen.
„Warum folgst du mir?“,
platzte es schließlich aus ihr heraus. Sie hatte die Stille nicht länger
ertragen können. Rückwärts stolperte sie in eine Ecke des Raumes. Gefangen
in ihrem eigenen Unterschlupf fühlte sie sich wie ein Tier in der Falle.
Hilflos. Ein leises Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Ihre Beine knickten
ein, und sie sank ganz plötzlich zu Boden. Wie ein Häufchen Elend blieb sie
dort sitzen und verschränkte die Hände vor dem Gesicht, um ihren Kummer zu
verbergen.
Pascal blieb stumm. Er
rang mit sich selbst. Warum empfand er nur so viel Mitleid und Zuneigung für
diese Frau? Er wollte sich neben sie setzen. Sie in die Arme nehmen und
beruhigend über ihr wunderschönes schimmerndes, schwarzes Haar streichen.
Ein schmerzhafter Stich bohrte sich in seinen Brustkorb.
„Du quälst mich. Merkst
du das denn nicht?“, presste sie hervor. Sie verachtete sich selbst für
diese Offenbarung ihrer Gefühle. Aber sie konnte nicht anders. Die Worte
kamen von ganz allein über ihre Lippen. Sie wagte es nicht, sich nun vom
Fleck zu rühren oder gar zu ihm aufzusehen. Er musste sie für erbärmlich
halten. Nicht einmal fünf Minuten hatte sie seiner übermächtigen Präsenz
standhalten können.
„Es tut mir leid.“
Der Satz bohrte sich in
ihren Kopf, ohne dass sie ihn tatsächlich verstand. Es tat ihm leid! Was
meinte er damit? Die vergangene Nacht? Dass er sie nun verfolgte?
„Ich wollte dich nicht
verfolgen“, sagte er, als könnte er in ihr lesen wie in einem offenen Buch.
Isabella regte sich mit
einem Mal doch. Irritiert starrte sie ihn an. Er wirkte weder Furcht
erregend noch grausam. Er war alles andere als das. Anziehend und
verführerisch. Eine Versuchung. Aber gerade das machte ihn so unheimlich
gefährlich.
Abrupt befreite sie sich
von seiner hypnotischen Wirkung. Reiß dich verdammt noch mal zusammen,
schalt sie sich selbst.
„Warum stehst du nur da
und siehst mich an? Was willst du von mir? Mein Blut? Bitte!“ Sie streckte
ihm ihr Handgelenk entgegen. Abermals erschrak sie über ihr eigenes
Verlangen. Seine Nähe elektrisierte sie. Es kostete sie so unglaublich viel
Kraft, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Ruhig zu atmen. Sich nichts
anmerken zu lassen. Doch ihr Arm, den sie weiter ausgestreckt hielt, wurde
schnell zur Last und wollte sich einem Zittern ergeben.
Pascal verharrte nach
wie vor. Wie eine Statue stand er ihr gegenüber und sah auf sie hinab.
Natürlich sehnte er sich nach ihrem Blut. Er gierte danach.
Es gab Vampire, die sich
von einem derartigen Hunger in den Wahnsinn treiben ließen. Aber Pascal
gehörte nicht zu dieser Sorte. Er war schon immer ein Meister der
Selbstbeherrschung gewesen – abgesehen von der vergangenen Nacht.
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