|
Leseprobe:
Das
Schiff glitt durch die ruhigen Wogen des Meeres. Emilia stand an der
Reling und blickte in die Tiefe. Die schier unendliche Weite löste ein
Gefühl der Einsamkeit in ihr aus. Das Knarren des Holzes und das
Rauschen des Meeres nahmen das leise Geräusch ihres unterdrückten
Schluchzens in sich auf und eine kleine Träne rann über ihre Wange und
vereinte sich mit den Wellen.
Für
dich ist kein Platz mehr in meinem Herzen, Giovanni. Du elender
Bastard!
Sie
ballte entschlossen die Hände zu Fäusten. Ich empfinde nur noch
Verachtung für dich. Aber sie wusste, dass sie sich selbst belog.
Aus Gründen, die sie nicht verstand, war es um ihre Gefühle nach wie
vor gleich bestellt. So sehr sie sich auch wünschte ihn zu hassen, in
Wahrheit begehrte sie diesen Schuft noch immer.
„Hier
steckst du, Emil. Ich habe dich schon überall gesucht.“
Sie
drehte sich um und blickte in das hagere Gesicht von Smith. Auch das
noch! Der Hagestolz hatte ihr gerade noch gefehlt. Er tauchte immer in
den ungünstigsten Momenten auf. Sie wollte ein bisschen für sich
allein sein und das Erlebnis auf der Lady Rosa verarbeiten.
„Was
machst du allein hier draußen?“
„Das geht
dich nichts an.“
„Warum so
feindselig? Ich bin doch nur gekommen, um dich zu fragen, ob du Lust
auf ein kleines Spiel hast?“
Sie hob
verwirrt eine Augenbraue.
„Wovon
sprichst du?“
„Komm mit
und finde es selbst heraus.“
Vielleicht war die Idee gar nicht so schlecht. Ein wenig Ablenkung
würde ihr gewiss gut tun.
„Na fein.
Ich komme mit. Wohin geht’s?“, fragte sie und folgte ihm.
„Das ist
ja das beste an der Sache! Wir spielen in der Kapitänskajüte!“
Emilia
hielt abrupt inne. Ihr Körper fühlte sich wie gelähmt an.
„Was ist
los? Hast du es dir anders überlegt?“
Sie
wollte zurückweichen. Just in diesem Augenblick stieß sie gegen einen
Widerstand.
„Nein,
Emil wird uns doch nicht im Stich lassen“, vernahm sie eine tiefe
Stimme hinter sich. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer
hinter ihr stand. Giovannis schwere Hand landete auf ihrer Schulter
und schob sie nach achtern. Sie war viel zu erstarrt, um Einspruch zu
erheben oder sich zur Wehr zu setzen. Widerstandslos ließ sie sich von
den beiden Männern in die Kapitänskajüte führen, wo Gerwin Reilly auf
dem Boden hockte.
„Hast du
den Rum?“, fragte Reilly und blickte hinter Emilia.
Giovanni
hob demonstrativ die Flasche in die Höhe und deutete Emilia mit der
anderen Hand an, sich hinzusetzen. Sie bildeten einen Kreis, in dessen
Mitte Gio die Flasche platzierte.
„Was
immer ihr auch vorhabt, ich bin nicht trinkfest.“
„Das
erhöht den Spaß“, sagte Gio und sein Blick machte klar, dass er keine
Widerrede duldete.
Dann gab
er der Flasche Schwung, so dass sie sich um ihre eigene Achse drehte.
Allmählich wurde sie langsamer und zeigte mit dem Hals auf Gerwin, der
vor Freude in die Hände klatschte und laut lachte.
„Also
los, was wollt ihr wissen! Fragt mich, was ihr wollt.“
Nachdenklich fuhr sich Giovanni mit Daumen und Zeigefinger über seinen
Dreitagebart. „Wie vielen Männern hast du die Kehle durchgeschnitten?“
„Was für
eine langweilige Frage. Ich dachte, dir würde etwas Besseres
einfallen.“ Erneut stieß er ein grollendes Lachen aus, das Emilia bis
ins Mark erschütterte. „Lass mich überlegen. In welchem Zeitraum?“
„In den
letzten drei Jahren.“
„Ich
glaube, das waren … 108 Bastarde!“
„108?
Willst du mich verarschen?“
„Es
können auch mehr gewesen sein.“
Emilia
blickte ungläubig zwischen den beiden Männern hin und her. Sie konnte
es nicht glauben, dass Gerwin 108 Leben auf dem Gewissen hatte! Sie
hatte den Steuermann, der den unglückseligen Cain seit der Meuterei
ersetzte, stets für einen guten Kerl gehalten.
„Ich
glaube dir kein Wort, du Aufschneider.“ Giovanni schnappte sich die
Rumflasche und zog den Korken heraus.
„Ich
schneide nur Kehlen auf, darauf mein Wort. Ich kann dir genau sagen,
wann und wo …“
„Los!
Trink jetzt!“
Ohne
Vorwarnung schüttete Giovanni den Rum in Gerwins Mund, der diesen
bereitwillig öffnete und jeden Tropfen gierig auffing. In gewaltigen
Mengen schluckte er das Gesöff hinunter. Als er genug hatte,
schüttelte er den Kopf. Aber Giovanni ignorierte die Geste. Erst als
Gerwin ihn am Arm packte und die Flasche zurückstieß, hörte er auf.
„Verdammter Hurensohn. Willst du mich ersäufen?“
„Verdient
hättest du es.“
„Mir
gefällt dieses Spiel nicht“, hauchte Emilia leise. Es war schon
unangenehm genug, in Gios Nähe zu sein. Das Bild, wie er unter Sinas
Rock hervorkam, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Abrupt
richtete sich Giovannis Blick auf sie. „Du spielst weiter“, knurrte
er, ohne sie aus den Augen zu lassen. Warum sah er sie so
durchdringend an? Wie lange würde er brauchen, um zu erkennen, dass er
keinen weibischen Jüngling, sondern die Frau aus dem Bordell vor sich
hatte? Giovanni sagte nichts und ließ sie im Unklaren über seine
Gedanken.
„Machen
wir weiter“, bestimmte Gerwin, der sich wieder beruhigt hatte, und
drehte die Flasche. Es kam, wie es kommen musste. Obwohl Emilia ein
Stoßgebet nach dem anderen gen Himmel sandte, zeigte der Hals auf sie.
„Was
passiert jetzt?“
„Jetzt
stellen wir dir eine Frage, die du wahrheitsgemäß beantworten musst.“
Ein genüssliches Grinsen bildete sich auf Giovannis Lippen.
„Wer bist
du wirklich, Emil?“
Sie
verschluckte sich an ihrer eigenen Spucke und hustete stark. Smith
musste ihr auf den Rücken klopfen.
„Wie
meinst du das?“, keuchte sie angestrengt.
„Du hast mich schon
verstanden… Junge.“ Giovanni lehnte sich zurück und faltete
selbstgefällig die Hände vor dem Bauch.
Gott,
er weiß es,
schoss es ihr durch den Kopf.
„Was ist
los mit dir, Emil. Das ist doch eine ganz einfache Frage
– oder?“
„Ich …
ich …“
„Ja? Wir
hören dir aufmerksam zu.“
„Ich … bin
Emil Colby.“
„Sehr
witzig. Dann erzähl uns etwas über dich, Emil Colby. Was hast du vor
dieser Reise gemacht?“
„Ich kann
nicht über … meine Vergangenheit sprechen.“
„Warum
nicht?“, wunderte sich Smith und sah Emilia fragend an. Aber sie
antwortete nicht. Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, ohne dass
jemand etwas sagte oder sich regte.
„Also
gut“, sagte Giovanni und reichte ihr die Flasche. Zögerlich nahm sie
diese, entfernte den Korken und hielt die Öffnung an ihren Mund.
Nachdem sie einen kleinen Schluck genommen hatte, setzte sie die
Rumflasche wieder ab.
„Trink
mehr“, knurrte Giovanni ungeduldig. Sie erschrak über den befehlenden
Unterton in seiner Stimme, tat dann aber, was er von ihr verlangte.
Langsam lies sie das Gesöff ihre Kehle hinabgleiten.
„Wer sich
weigert unsere Fragen zu beantworten muss bestraft werden.“
„Das
reicht jetzt, Kapitän“, mischte sich Gerwin besorgt ein. „Der Junge
hat doch gesagt, dass er nicht trinkfest ist.“
„Ich
bestimme, wann es genug ist.“
Ihr wurde
übel. Gewiss war ihr Gesicht bereits grün angelaufen. Aber Giovanni
gab nicht den erlösenden Befehl. Er ließ sie immer weiter trinken.
Nach einer schier endlosen Zeit hob er die Hand. „Stopf den Korken
wieder rein, es geht weiter.“
Emilia
atmete erleichtert auf. Nun durfte sie die Flasche drehen. Während sie
diese beobachtete, wurde ihr plötzlich schwummerig.
„Das sind
nur die Folgen des Rums“, sagte Gerwin beruhigend. Die Flasche blieb
stehen und zeigte auf Smith, der vor Schreck deutlich hörbar
schluckte.
„Was
macht dich scharf, Smith? Uns kannst du es verraten. Rammelst du
lieber Huren oder bevorzugst du den süßen Arsch eines Jünglings?“
Giovanni und Gerwin lachten. Smith sagte nichts.
„Komm
schon, Smith. Jeder weiß doch, wie du unseren Emil anschmachtest. Oder
glaubst du, wir sind blind?“ Der Steuermann klopfte sich auf die
Schenkel. Nun ging alles sehr schnell.
Mit
hochrotem Kopf sprang Smith auf. Sein panischer Blick streifte Emilia,
die noch immer gegen ihre Benommenheit kämpfte, dann hechtete er nach
draußen, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her.
„Was hat
er denn?“, fragte Gerwin gespielt unwissend.
„Ist ihm
peinlich, dass du ausgesprochen hast, was ohnehin schon alle wissen.
Unser Emil ist aber auch ein ganz Hübscher.“ Wieder starrte Giovanni
sie auf diese unheimliche Weise an, als kannte er ihr Geheimnis
längst.
Emilia
wollte etwas sagen, um Smith zu verteidigen, aber aus ihrem Mund kam
nur ein Hickser.
„Spielen
wir noch eine Runde.“ Ehe sich Emilia versah, war sie ein weiteres Mal
an der Reihe. Um sich ihre Nervosität nicht allzu sehr anmerken zu
lassen, straffte sie ihre Schultern und schaute dem Kapitän geradewegs
ins Gesicht. Aber die Konturen seiner markanten Züge waren merkwürdig
unscharf. Sie schüttelte verwirrt den Kopf.
„Hast du
schon Haare auf der Brust, Emil?“
„Ja,
selbst…verständlich …“
„Tatsächlich, dann zeig sie uns doch mal.“
Emilia
spürte, wie das Blut in ihre Wangen schoss. Sie glühten förmlich.
„Zier
dich nicht so“, drängte Reilly.
„Ich …
ich …“
„Nun komm
schon Emil, zeig uns deine Lockenpracht. Zeig uns, dass du ein
richtiger Mann bist.“
Giovanni grinste finster.
Verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg. Sie konnte den Männern ihre
Brust nicht zeigen! Das war unmöglich.
„Los,
Emil. Zeig uns, was du hast!“
„Um … um
ehrlich zu sein … ich … ich hab' gelogen.“
„Du hast
gelogen?“, fragte Giovanni gespielt ungläubig.
Sie
nickte langsam. „Ja, ich habe noch keine Haare auf der Brust.“
„In
deinem Alter hatte ich bereits ein ganzes Fell.“
„Wir
haben es nicht gern, wenn man uns anlügt.“ Gerwin erhob sich und
stellte sich hinter sie. Emilia geriet in Panik. Aber ihre Reaktionen
waren verlangsamt. Als sie sich umdrehte, um zu gehen, war es bereits
zu spät. Gerwin griff nach ihrer Kehle und zwang sie, den Mund zu
öffnen. Zu spät erkannte sie sein wahres Vorhaben und schon schoss ein
Schwall besten Rums in ihren Rachen.
„Ich
fürchte, du wirst morgen einen Kater haben! Aber mach dir nichts
daraus, da muss jeder irgendwann durch.“
Emilia
hob abwehrend die Hände, versuchte sich aus dieser misslichen Lage zu
befreien, aber Gerwins Griff blieb eisern. Und Giovanni schaute ihm
ungerührt zu. Ein Gurgeln drang aus ihrer Kehle, mehr brachte sie
nicht hervor.
„Sieh an,
sieh an, Emil ist ja ein wahrer Schluckspecht. Nun hat er die ganze
Flasche geleert.“ Gerwin setzte die Flasche ab und schlenderte zu
seinem Platz zurück. Beide starrten Emilia an.
„Er sieht
blass aus.“
„Ist dir
nicht wohl, Junge?“, lachte Reilly.
Die
Stimmen der beiden Männer klangen so fern, als wären sie im Nebenraum.
Alles um sie herum begann sich zu drehen. Ihr Kopf dröhnte und fühlte
sich gleichzeitig betäubt an. Verzweifelt stützte sie sich am Boden
ab, um den Halt nicht zu verlieren. Aber es nützte nichts. Sie
rutschte zur Seite und schlug vornüber auf. Dann wurde es dunkel um
sie.
***
Als Emilia
wieder zu sich kam, war es bereits helllichter Tag. Die Sonne schien
durch das Fenster direkt in ihr Gesicht. Langsam öffnete sie die
Augen. Ihr Kopf schmerzte höllisch und es dauerte eine Weile, ehe sie
einen klaren Gedanken fassen konnte. Das letzte, woran sie sich
erinnerte, war der widerliche Geschmack des Rums, den man ihr
gewaltsam eingeflößt hatte.
Sie wollte sich
erheben, um ihre Umgebung zu erkunden, als sie einen Widerstand
spürte. Etwas schnürte sich in ihre Hand- und Fußgelenke. Fesseln!
Irgendjemand hatte sie an das Bett gebunden. Sie wollte schreien, doch
ihre Zähne bissen auf einen Knebel.
In einem Anfall
von Panik zog und zerrte sie an den Seilen, die sie gefangen hielten,
wodurch sich die Stricke nur noch tiefer in ihr Fleisch rieben. Wer
auch immer sie hier gefangen hielt, wusste was er tat. Er hatte sie
völlig außer Gefecht gesetzt. Sie versuchte sich zu beruhigen, aber
das war leichter gesagt als getan.
In diesem
Moment ging die Tür auf und ein unverschämt grinsender Giovanni
DeMarco kam herein. „Guten Morgen, Emil. Oder sollte ich besser sagen:
Emilia?“
Er schlenderte
auf sie zu, stemmte die Hände in die Seiten und blickte kopfschüttelnd
auf sie herab.
„Es war
ziemlich mutig –
und ziemlich dumm von dir,
dich an Bord zu schleichen und als Burschen auszugeben. Glaubst du
wirklich, man kann mich so leicht zum Narren halten?“ Er lief zu dem
Schreibtisch am anderen Ende des Raumes, griff nach einem kleinen
Hocker und stellte diesen vor ihr Bett, wo er sich langsam hinsetzte
und ihren Schopf streichelte.
„Die kurzen
Haare konnten mich nicht täuschen. Und auch nicht diese alberne
Kleidung. So gefällst du mir besser, nackt, wie Gott dich schuf.“
Sie drehte den
Kopf zur Seite und schloss gequält die Augen. Vermutlich würde er sie
über Bord werfen, sobald er mit ihr fertig war. Eine Mahlzeit für die
Haie. Giovanni zeichnete mit dem Zeigefinger die Narbe oberhalb ihrer
rechen Brust nach.
„Die anderen
wissen nicht, wer du wirklich bist. Und es sollte unser Geheimnis
bleiben.“
Verwundert
wandte sie ihm den Blick zu. Hatte sie sich verhört? Er wollte sie
schützen?
„Die Männer
sind seit Wochen auf See und haben viel zu selten eine Frau zu Gesicht
bekommen, wenn du verstehst?“
Emilia wusste,
was er meinte.
Seine Hand
wanderte zu ihrer Wange. Liebevoll tätschelte er sie.
„Meine
Hochachtung. Ich kenne keine Frau, die das alles auf sich genommen
hätte, nur um eine Schatzkarte zurückzuholen. Aber nun haben sich die
Verhältnisse geändert. Du bist nicht länger die Jägerin. Gewöhne dich
an deine neue Rolle, denn ab jetzt bist du meine Gefangene.“
Ihre Augen
weiteten sich vor Entsetzen. Giovannis Gefangene?
Fast liebevoll
wanderte seine Hand über ihren Brustkorb, hinab zu ihrem Bauchnabel,
den er umkreiste, hin zu ihrem Venushügel.
„Gefällt dir
das?“, fragte Giovanni mit einem spöttischen Lächeln. „Dabei müsste
ich dich doch eigentlich bestrafen. Schließlich hast du mich
hereingelegt.“
Er stand
auf und lief ein weiteres Mal zu dem Schreibtisch. Emilia beobachtete
ihn angespannt. Was mochte er bloß vorhaben? |