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Leseprobe:
Szene 1
„Das ist CH-4-2119,
Ihr neuer Klon“, sagte Hugh sachlich. „Das ist John Doe, Ihr neuer
Sharer.“
Als Hugh Penny an
John vorbeischob, spürte sie einen eiskalten Hauch. Sie schaute sich
in der Wohnung um, aber die Fenster waren verschlossen. Ihr Rücken
kribbelte. Sie war sich sicher, dass John sie anstierte. Zitternd
schlang sie die Arme um die Hüften. Ihre Brustwarzen wurden durch die
Kälte hart und zogen sich zusammen. Sie stachen gegen das Futter des
Overalls. Empfindlich rieben sie gegen den Stoff.
John schien es zu
bemerken. Lächelnd lehnte er an der Wand, verschränkte die Arme vor
dem Körper und schaute sie herausfordernd an.
Er war groß
gewachsen, schlank, besaß aber breite Schultern. Die dunklen Haare
fielen locker auf die Schultern. Der
schwarze Overall unterstrich seine düstere Aura. Penny konnte sich
normalerweise immer auf ihren ersten Eindruck verlassen. Bei John
jedoch war sie irritiert. Seine teuflische Attraktivität lenkte sie
ab. Als Regel galt, einem Vampir nicht in die Augen zu schauen, weil
bei einer Minderheit der Vampire die übernatürlichen Fähigkeiten noch
wach waren, während bei den meisten, besonders bei den Arbeitern,
diese Fähigkeiten abgestumpft waren. Penny war es unbegreiflich, warum
John sie zwingen konnte, ihm in die Augen zu sehen. Sie vermochte sich
nicht dagegen zu wehren. Es war wie ein Sog. Sie schien sich in seinen
schwarzen Pupillen zu verlieren. Tiefer und tiefer sank sie hinein,
tauchte in die Finsternis wie in einen dunklen See. Doch die Gefahr
ängstigte sie nicht. Sie reizte Penny.
Benommen taumelte sie
gegen Hugh. Der Sniffer zwackte sie in die Seite und stellte sich
zwischen sie und John, sodass sie den Blickkontakt verlor. Das brach
den Bann. Verschämt strich sie mit der Hand über ihr Gesicht und
schaute auf ihre Schuhspitzen.
„Weisen Sie CH-4-2119
ein“, wies Fridgson John an. „Um 8 Uhr wird sie in der Fabrik
erwartet.“
Er nickte Doe zu,
wandte sich um und ging mit dem bulligen Vampir hinaus, ohne Penny
noch einmal anzusehen. Er behandelte sie wie Luft. Eigentlich hätte
sie froh darüber sein sollen. Die Rebellen mussten sich so unauffällig
wie möglich verhalten. Trotzdem machte es Penny wütend. Sie besaß
Gefühle. Sie wollte, dass man sie mit Respekt behandelte. Und sie
wünschte, als Mensch wahrgenommen zu werden, nicht als Kopie. Doch
auch John Doe betrachtete sie herablassend. Das tat ihr weh, denn sie
wollte ihm gefallen. Letzteres wurde ihr mit Schrecken bewusst.
Als John zur Tür ging
und sie geräuschvoll zuwarf, fuhr sie zusammen. Er rümpfte die Nase.
„Endlich sind diese Schnüffler weg!“ Seine Stimme klang rau, und als
er leiser hinzufügte: „… und wir allein“, sogar brünstig.
Penny überlief eine
Gänsehaut.
John stellte sich
hinter sie, roch zuerst an ihren Haaren und legte dann einige Strähnen
über ihre Schulter, um ihr Profil zu betrachten.
„Hm“, machte er.
„Welch eine angenehme Überraschung! Du wirst mir dienen, hübsches
Reprodukt.“
Aufbrausend flog sie
herum. Sie war kein Ding! Zudem duzte er sie. Das machten nicht einmal
die Sniffer.
John drängte sie
schmunzelnd gegen die Wand, gleich neben das Bildnis von Santagos, das
zur Ausstattung jeder Wohneinheit gehörte, und hob eine Augenbraue.
„Oh, ein Klon, der nicht als Erzeugnis bezeichnet werden möchte. Ist
es nicht so?“
Penny war wütend auf
sich selbst. Sie musste sich zusammennehmen. Ausweichend sagte sie:
„Ich werde Ihren Haushalt führen, Sir.“
„Natürlich.“ Er legte
eine Hand auf ihre Hüfte und schob seine Lenden an ihr Becken. Mit der
anderen Hand hob er ihr Kinn an und zwang sie, ihm in die Augen zu
blicken. Mit einem Mal war er ernst. Jegliche Lüsternheit war
verflogen. „Ich wäre an deiner Stelle vorsichtiger. Du scheinst
Temperament zu haben. Das könnte dir eines Tages das Genick brechen.“
Alles, was sie
hervorbrachte, war ein leises „Ja.“
„Ja, Sir“,
korrigierte er sie grinsend.
Er wollte sie
provozieren. Da war sich Penny sicher. Ob er auch die Sniffer gerne
aus der Reserve lockte? Oder ärgerte er nur gerne seinen Sharer, um im
Gegensatz zur Arbeitswelt wenigstens in der Wohneinheit das Sagen zu
haben? Viele Vampire behandelten ihre Klone schlecht. Das wusste Penny
von den Erzählungen der anderen Rebellen. Die Blutsauger kommandierten
die Reprodukte herum, sie schikanierten sie und bestraften gerne,
einfach um sich besser zu fühlen. Die neue Ordnung in Großbritannien
brachte nur den Regierenden Vorteile. Um ihren Frust abzubauen, übten
die vampirischen Sharer im Kleinen ihre bescheidene Macht aus.
Penny durfte sich
nicht reizen lassen, stand sie doch auf jeglichen Abschusslisten. Sie
ballte hinter dem Rücken die Hände zu Fäusten und wiederholte
gehorsam: „Ja, Sir.“
Augenblicklich
schnaubte John. „Aber Kriecher bringen es auch nicht weit.“
Sie war verwirrt. Wie
sollte sie sich verhalten? Was erwartete er von ihr? Möglicherweise
machte er sich einen Spaß daraus, sie aufs Glatteis zu führen. John
lachte jedoch nicht. Er sah zornig aus, gleichsam zerknirscht.
Wahrscheinlich wollte er seinen neuen Klon prüfen. Diese Erkenntnis
machte es nicht einfacher für Penny.
Sie entschloss sich,
mutig zu sein und fragte vorsichtig: „Mein Vorgänger, wo ist er?“
Sekundenlang hielt sie die Luft an. Sie senkte immer wieder den Blick,
weil sie fürchtete, zu weit gegangen zu sein.
Er kam näher heran
und stützte sich rechts und links mit den Unterarmen gegen die Wand.
„Meinst du, dir steht solch eine Frage zu?“
Penny öffnete den
Mund, um etwas zu erwidern, doch ihre Zunge klebte am Gaumen. Die Nähe
zu John lähmte ihre Gedanken. Deshalb schüttelte sie nur den Kopf.
„Das heißt: Nein,
Sir!“, blaffte er.
Sie zuckte zusammen.
„Nein, Sir“, wisperte sie. Aber auch das stellte ihn nicht zufrieden,
denn er musterte sie herablassend. Was zur Hölle wollte er? Sie
überlegte, ob sie ihm die Stirn bieten sollte, damit von Anfang an
klar war, dass er nicht alles mit ihr machen konnte.
„Hast du dich George
Slay gegenüber genauso aufmüpfig verhalten?“
„Niemals“, antwortete
sie wahrheitsgemäß und dachte daran, dass er sie ohnehin meist
ignoriert hatte.
„Warst du eigensinnig
und aufsässig, hast dich ihm widersetzt und nicht den nötigen Respekt
gezollt?“
„Ich habe ihm immer
gedient.“
John legte den Kopf
schief. „Wollte er dich disziplinieren? Musste Slay deshalb sterben?“
„Ich habe nichts mit
seinem Tod zu tun“, log Penny und bebte. Sie fühlte sich durch seine
Fragen und seine Nähe eingeengt. Intuitiv stemmte sie die Handflächen
gegen seinen Oberkörper und versuchte ihn wegzustoßen. Sie spürte
seinen harten, männlichen Brustkorb unter dem Overall. Ihr Herz schlug
schneller.
„Warum hast du ihn
dann umgebracht?“
„Ich habe ihn nicht
in die Knetmaschine gestoßen. Er ist ...“
„... gefallen?“,
beendete John den Satz. „Vampire fallen nicht in Werkmaschinen.“
„Ach, Blutsauger
machen keine Fehler, ja?“, hörte sie sich sagen und bereute es
sogleich.
Er legte die Hand an
ihre Kehle. „Die Gehirne der Reprodukte werden vor der ‚Geburt’ unter
Strom gesetzt, damit sie wenigstens bis drei zählen können.“
Das war eine Lüge,
eine verdammte Lüge,
schrie alles in Penny. Die Gehirne wurden elektrisch vorbehandelt,
damit die Klone sich nicht an das Leben der Menschen, von denen sie
abstammten, erinnerten.
In Rage griff sie
nach seinem Handgelenk, aber er gab ihren Hals nicht frei.
„Behandeln Sie mich
nicht wie Dreck!“
„Sind Klone nicht
Dreck?“ Er hob eine Augenbraue.
„Nein.“
„Wann lernst du es
endlich, CH-4-2119? Ich will ein ‚Nein, Sir’ hören.“
Verdrießlich rümpfte
sie die Nase. „Nein, Sir.“
„Nein, Sir, was?“
„Verdammt, wir sind
kein Abschaum!“, brach es aus ihr heraus. „Wir haben Gefühle, wir
leben und sind keine hirnlosen Marionetten. Wir können klar denken und
ärgern uns über Arroganz ...“
Plötzlich holte John
aus und schlug gegen die Wand. Nur knapp verpasste er das eingerahmte
Foto von Santagos. Mit offenem Mund starrte Penny auf das Loch neben
ihrem Kopf. Die Tapete war zerrissen. Darunter kam der Putz zum
Vorschein. Wie kräftig dieser John Doe war! Selten hatte sie solch
einen starken Vampir kennengelernt. Er rieb sich nicht einmal vor
Schmerzen die Hand, sondern tat so, als wäre gar nichts passiert.
Seine Hand blutete nicht. Nicht einmal die Haut war aufgeschürft.
Langsam beruhigte er
sich. „Ich hoffe, es wird nicht immer so lange dauern, bis du dein
wahres Gesicht zeigst. Obwohl es durchaus seinen Reiz hat, alles aus
dir herauszukitzeln. Beim nächsten Mal jedoch wähle ich eine andere
Methode.“ Unerwartet neigte er sich zu Penny herunter. Er versuchte
sie zu küssen.
Fassungslos drehte
sie das Gesicht weg. Sie hatte noch nie einen Vampir geküsst und
niemals hatte ein Blutsauger versucht, ihr nah zu kommen. Das war
widernatürlich, als würden sich Löwe und Antilope zusammentun.
„Du weigerst dich?“,
hauchte er in ihr Ohr.
Durch das gefährliche
Timbre in seiner Stimme erschauerte sie. „Sie können das unmöglich
wollen.“ Penny bemerkte einen latenten Geruch von Rauch. Sie
schnupperte. Es waren Johns Haare, die nach Rauch rochen. War er in
der Nähe eines Feuers gewesen? Wie konnte das sein?
„Und wenn ich es
verlange? Würdest du deinem Sharer einen Wunsch verweigern?“
Sie biss auf ihre
Unterlippe. Schließlich flüsterte sie: „Was ist mit dem Gesetz der
Abstinenz?“
„Gefühle lenken von
der Arbeit ab“, zitierte John den Prime Lord und schenkte dessen
Abbild einen vernichtenden Blick.
Auf einmal fragte
sich Penny, ob John mit seinem Schlag nicht beabsichtigte hatte, das
Foto zu treffen. Konnte es sein, dass er den Vater der Audax hatte
schlagen wollen? Unmöglich! Sie musste sich irren.
Sie schob das Bild
ein Stück beiseite und verdeckte mit dem Rahmen halbwegs das Loch in
der Wand.
Johns bissige Miene
wurde milder. Verblüfft sah er auf Penny herab. Er drang mit seinem
tiefgründigen Blick in sie ein. Ein seltsames Gefühl bemächtigte sich
ihrer. Da war plötzlich eine Wärme, die vom Magen aus in ihren Körper
strömte, stieg in den Busen auf, brannte in ihren Brustwarzen und
machte diese empfindsam, sodass Penny den Stoff ihres Overalls an
ihren Nippeln spürte, wann immer ihr Brustkorb sich hob und senkte,
denn sie rang jäh nach Atem. Diese Empfindung raubte ihr die Luft. Die
Wärme tröpfelte aus dem Magen herab, sammelte sich in ihrer Scham und
entfachte ein Feuer, das nicht einmal Guy jemals in ihr geweckt hatte.
Die Flammen loderten in ihrem Schoß, knisterten, prickelten und
erzeugten Wollust.
„Nicht“, brachte
Penny mühsam heraus. Sie wollte ihn von sich stoßen, war allerdings
wie gelähmt.
John lächelte
anziehend. Er streifte ihre Wange mit seinem Handrücken. „Lass es
geschehen. Du kannst dich eh nicht dagegen wehren.“
Verzweifelt versuchte
sie zu widerstehen. Sie redete sich ein, dass es nur Johns Verlangen
war, das er auf sie projizierte. Er begehrte sie und bat nicht um ihre
Hingabe, sondern nahm sich einfach, was er wollte. Das war abstoßend.
Zumindest bemühte sie sich, das zu glauben. In Wahrheit erregte sie
seine Unverschämtheit. Lag es an seiner Attraktivität? Faszinierte sie
seine dunkle, geheimnisvolle Aura? Die meisten Vampire, die sie
kannte, waren Arbeiter und ebenso abgestumpft wie die Klone. John Doe
jedoch schien ein wacher Geist zu sein mit gefährlichen,
übernatürlichen Fähigkeiten. Penny musste sich hüten, ihm zu
verfallen. In diesem Zustand geistiger Gefangennahme war sie
allerdings wehrlos. Alleine durch seinen Blick bannte er sie. Er
fesselte sie an die Wand – und an sich.
Bald schon drohte sie
das Feuer zu verbrennen. Penny schloss benommen die Lider. Sie sah vor
ihrem inneren Auge das Feuer in ihrem Schoß, die brennenden Ketten an
ihren Hand- und Fußgelenken und den glühenden Stahlring um ihren Hals,
in den Johns Name eingraviert war.
Als sie ihren
Sharer wieder anschaute, fühlte sie sich wie in Trance. Um mehr Halt
zu haben legte sie die Hände auf seine Schultern. Ihr Gesicht war
seinem so nah, dass ihre Nasen sich fast berührten. Die Sehnsucht in
ihr war quälend. Sie verzehrte sich nach John, wollte ihm noch näher
sein, wünschte in ihm zu sein, und so küsste sie ihn. Zärtlich presste
sie den Mund auf den seinen. Sie öffnete die Lippen und stieß mit
ihrer Zunge in ihn hinein. Genießerisch saugte sie an seiner
Zungenspitze. Sie leckte und umschlängelte die seine, drückte sich
noch fester an ihn, um tiefer in ihn hineinzugleiten. Ihr Atem ging
kurz und flach, während ihr Becken sich an ihn schmiegte und
schließlich kreiste, bis an seinen Lenden etwas Hartes, Pulsierendes
unter dem schwarzen Overall wuchs. Sie leckte über Johns Eckzähne,
umschlängelte seine unscheinbare und doch effektive Waffe. Es war
riskant, aber die Gefahr zog sie an. Minderte die Lust Pennys Angst?
Sie musste sich nur an den spitzen Zähnen stechen ... Mit Leichtigkeit
konnten sie die Zunge aufreißen. Ein Blutstropfen würde genügen, um
John um den Verstand zu bringen. Die Vampire waren heiß auf
Menschenblut, seit sich die meisten von synthetischem Blut ernährten.
Aber die Leidenschaft machte sie blind. Penny begehrte John Doe!
Szene 2
Ich hob den Kopf und sah zu der dunkeln Gestalt am Ende der
Brücke, für die ich Dankbarkeit empfand, weil sie hier geblieben war
und mich nicht allein gelassen hatte. Ob der arme Kerl auch an
Liebeskummer litt, so wie ich? Er machte einen traurigen Eindruck.
Vielleicht brauchte er Trost? Wie oft war es mir so ergangen? Wie oft
hatte ich in meiner wilden Zeit einsam auf einer Brücke gestanden und
um einen meiner zahlreichen Exfreunde getrauert. Ich wusste nur zu
gut, wie aussichts- und hoffnungslos das Leben in solchen Momenten
erscheinen konnte. Mehr als einmal hatte ich mit dem Gedanken
gespielt, mich von der Brücke zu stürzen. Nun ging es einem anderen
schlecht. Vielleicht konnte ich ihm helfen? Ich machte einen Schritt
auf ihn zu, in der festen Absicht ihn anzusprechen, als er plötzlich
auf die schmale Brüstung der Brücke kletterte. Mein Herz begann vor
Schreck wild zu pochen, weil ich meine schlimmste Befürchtung
bestätigt sah und glaubte, er würde eine Dummheit begehen! So schnell
ich nur konnte, rannte ich auf ihn zu. „Nein! Springen Sie nicht!“,
brüllte ich aus Leibeskräften und streckte die Hände nach ihm aus, um
ihn zu packen und auf sicheren Grund zu ziehen. In dem Moment, in dem
ich ihn erreichte, drehte er sich zu mir um. „Was soll denn das?“
Ich hatte zu viel Schwung, rutschte
auf der nassen Straße aus und versuchte mich an seiner Jacke
festzuhalten. Doch dabei brachte ich ihn versehentlich aus dem
Gleichgewicht. Er krallte sich seinerseits an meiner Regenjacke fest,
stürzte rücklings in die Tiefe und riss mich mit sich. Ich schrie.
Wasser spritzte meterhoch in die Luft und schwappte über uns zusammen.
Prustend kehrten wir nacheinander an die Oberfläche zurück.
„Habt Ihr den Verstand verloren?“, keuchte er und schwamm zum
Ufer.
Ich folgte ihm.
„Nicht im Geringsten. Ganz im Gegensatz zu Ihnen! Wieso
wollten Sie sich umbringen?“
„Mich umbringen? Aus dieser Höhe? Was für ein ausgemachter
Unsinn!“
Wir kämpften uns durch das Schilf, in dem er seinen Vorsprung
ausbaute, vor mir das Ufer erreichte und mir hilfsbereit die Hand
entgegenstreckte, um mich aus dem Wasser zu ziehen. Ich nahm sie
dankbar an und betrat sicheren Boden. Das Licht des Mondes fiel
günstig, sodass ich sein Gesicht erkennen konnte. Es war hübsch und
von langen blonden Strähnen umrahmt.
„Wieso sind Sie dann auf das Geländer geklettert?“
„Weil ich nachdenken und dabei die Aussicht genießen
wollte!“, knurrte er und schüttelte den nassen Schopf. „So etwas habe
ich wirklich noch nie erlebt. Ich bin klatschnass!“
„Jetzt seien Sie mir doch nicht böse, ich wollte Ihnen nur
helfen!“
Er sah mich skeptisch an, nickte dann aber versöhnlich.
„Hey!!!“, hörte ich eine Stimme aus
der Ferne. Ein Mann im roten Regenmantel, der wie ein Gespenst
aus dem Nichts aufgetaucht war, stand auf der Brücke und winkte mir
hektisch zu. „Brauchen Sie Hilfe?“
„Nein, es ist alles in Ordnung!“, brüllte ich, so laut ich
nur konnte, doch meine Stimme klang wie ein
altes Reibeisen. Er trat vom Geländer zurück und verschwand in der
Straße auf der anderen Seite der Brücke.
Ich hoffte, dass er mich verstanden
hatte und blickte erneut zu dem Fremden. Seine Haut war
auffallend blass, doch von makelloser Schönheit. Und was für seltsame
Kleidung er trug. Sie erinnerte mich an die pompösen Gewänder aus
Kostümfilmen wie „Gefährliche Liebschaften“.
„Es ehrt Euch sehr, dass Ihr mich retten wolltet. Aber glaubt
mir, es besteht kein Grund zur Sorge. Ich fange gerade erst an, wieder
zu leben.“
Euch? Ihr? Erst jetzt fiel mir auf, dass er nicht nur aussah,
als käme er aus einer anderen Zeit, sondern,
dass er sich auch so artikulierte.
„Sie wissen, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden, nicht
wahr?“, fragte ich sicherheitshalber. Vielleicht hatte er durch den
Schock des Aufpralls das Zeitgefühl verloren und hielt sich nun für
einen Prinzen aus dem 18. Jahrhundert.
„Natürlich weiß ich das“, entgegnete er mit einem Seufzen.
„Und ich kann nicht gerade behaupten, dass ich dieses Jahrhundert
mag.“
Sirenen heulten auf. Ich sah zur Brücke und entdeckte zwei
Mannschaftswagen, die mit quietschenden Reifen hielten. Männer in
schwarzen Anzügen rissen die Schiebetüren
auf und sprangen heraus. Es mussten um die zwei Dutzend sein.
Unter ihnen befand sich auch der Mann im roten Regenmantel.
„Was hat das denn zu bedeuten?“, stieß ich verwundert aus.
Der Fremde fuhr herum und sah zur Straße. Am Übergang
zwischen der Brücke und der Fahrbahn sammelte sich der Trupp, der
offenbar einer Spezialeinheit angehörte. Panik spiegelte sich in
seinen Augen.
„Verflucht, wie haben sie mich nur gefunden ...“
Zähneknirschend presste er sich mit dem Rücken an die Uferböschung.
„Sie dürfen mich nicht noch einmal in ihre Fänge bekommen.“
„Ich verstehe gar nichts mehr.“
„Wenn Sie es vorhin ernst meinten …“, sagte er und sah mich
eindringlich an. „Wenn Sie mir wirklich helfen wollen, dann bringen
Sie mich von hier weg. Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus.“
„Ich bin auch nicht aus Liverpool!“
„Hier ist der Special Air Service.
Kommen Sie mit erhobenen Händen herauf“, brüllte eine
befehlshaberische Stimme durch ein Megafon.
„Was, um Himmelswillen, haben Sie nur angestellt?“, fuhr ich
ihn an und suchte ebenfalls Schutz am Hang. Hatte ich es mit einem
Schwerverbrecher, einem feindlichen Agenten oder einem Terroristen zu
tun, dass ein solcher Aufmarsch notwendig wurde? Der Special Air
Service war eine Spezialeinheit des Militärs, die jedoch auch im
Inland operierte.
„Ich schwöre Ihnen, diese Männer sind nicht das, was sie
vorgeben zu sein.“
„Wollen Sie mich veralbern?“
„Sehen Sie genauer hin. Fällt Ihnen etwas auf? Sie tragen
Armbrüste.“
Ich hob vorsichtig den Kopf und spähte die Straße hinauf. Mit
Entsetzen stellte ich fest, dass sich der Trupp in Bewegung gesetzt
hatte. Das Licht der Straßenlaternen offenbarte, dass mein unbekannter
Freund die Wahrheit gesprochen hatte. Jeder Anzugträger war mit einer
Armbrust ausgestattet und trug zudem einen Schutzhelm. Die Männer
sahen äußerst bedrohlich aus.
„Sie haben recht. Was hat das alles zu bedeuten?“
„Ich erkläre es Ihnen später. Jetzt müssen wir fliehen! Wenn
sie uns in die Finger bekommen, sind wir beide dran. Glauben Sie mir.“
Die besorgte Miene des jungen Mannes ließ keinen Zweifel
daran, dass wir tatsächlich in großer Gefahr schwebten.
„Mein Rover steht auf der anderen Seite der Brücke, wir
werden ihn nicht ungesehen erreichen“, flüsterte ich und blickte
nachdenklich zum Kanal. „Dann bleibt nur eine Möglichkeit. Wir müssen
schwimmen.“
So lautlos wie nur irgend möglich schlich ich ins Wasser. Das
Adrenalin rauschte durch meine Adern, ließ mich meinen wilden
Herzschlag spüren und schützte mich gleichzeitig vor der Kälte. Nach
zwei Schritten fiel der Grund steil ab, sodass ich mich nur durch
Ruderbewegungen der Arme an der Oberfläche halten konnte. Als der
Fremde hinter mir auftauchte, deutete ich zur Brücke. „Wir werden
tauchen. Schaffen Sie das?“
„Sicher.“
Aus dem Augenwinkel nahm ich den herannahenden Trupp wahr.
„Sie sind im Kanal! Beeilung!“, brüllte einer der Männer und
feuerte seine Armbrust ab. Knapp neben mir
schlug ein Bolzen ins Wasser.
„Mein Gott, die meinen es wirklich ernst!“, schrie ich in
Panik auf.
„Bist du verrückt? Wir wollen ihn lebend!“
„Mir sind die Nerven durchgegangen!“,
klangen die Stimmen der Männer zu uns
herüber.
Ich holte tief Luft und glitt in die Tiefe, doch ich verlor
in den schwarzen Wassermassen die Orientierung. Da ergriff jemand
meine Hand und führte mich durch die Dunkelheit. Kurz bevor mir die
Luft knapp wurde, kehrten wir unter der Brücke an die Oberfläche
zurück. In der Ferne sah ich unsere Verfolger, die am Kanal
entlangliefen und das Wasser mit ihren Taschenlampen ausleuchteten.
Wir hatten einen ordentlichen Vorsprung herausgeholt. Das war
beruhigend. Aber es war zu früh, sich in Sicherheit zu wiegen.
„Wo ist diese Kreatur?“, vernahm
ich plötzlich die Stimme eines Mannes über uns, der
offensichtlich bei den Mannschaftswagen geblieben war.
„Ich habe einen
Verdacht, folg mir“, erwiderte ein anderer. Sie eilten über die Brücke
und kletterten den Hang hinab. Gerade, als ihre Gestalten in meinem
Blickfeld auftauchten, zog mich der Fremde erneut unter Wasser. Einer
der Männer nahm fluchend die Verfolgung auf, verlor jedoch unsere Spur
in der Dunkelheit. Unbeirrt setzten wir unsere Flucht fort. Nur ab und
an gönnten wir unseren Lungen einen kurzen Atemzug.
Wir tauchten bis zu einem kleinen
Steg und versteckten uns zwischen den angeleinten Booten. Mein
Kreislauf versagte, weil mir übel wurde, und die Kälte allmählich
Besitz von mir ergriff. Ich klammerte mich erschöpft an die feuchte
Brust des Fremden und zuckte zusammen, als er schützend einen Arm um
mich legte und mich sanft anlächelte. Es war
ein wunderschönes Lächeln, bei dem ich unter anderen Umständen
dahingeschmolzen wäre. Aus nicht allzu weiter Ferne hörte ich das
Geräusch herannahender Motorräder. Auch ein Motorboot rauschte an uns
vorbei. Die Mannschaft leuchtete den Kanal mit Scheinwerfern aus.
„Sie sind immer noch hinter uns her“, flüsterte er in mein Ohr
und zog mich fester an sich. Ich konnte seinen Herzschlag durch den
Stoff hindurch spüren. Es schlug viel zu schnell. Beruhigend legte ich
die Hand auf seine Brust und blickte zu ihm auf. Erneut lächelte er
mich ermutigend und gleichzeitig verführerisch an. |