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Leseprobe:
Szene 1
Marylène ließ
wenige Tropfen duftendes Rosenöl auf den Ansatz ihrer Brüste tropfen
und vollführte eine fehlerfreie Pirouette vor dem Spiegel. Sie
drapierte einige ihrer schwarzen Locken gekonnt auf ihrem Dekolletee
und war mit ihrem Erscheinungsbild rundum zufrieden.
„Was meinst du,
welche Stadt werden wir als nächstes in Angriff nehmen? Vielleicht
sollten wir nach Paris reisen, was hältst du davon? In einigen Tagen
werde ich meine schwarze Haarfarbe mit Sicherheit wieder leid sein.
Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht mehr daran erinnern, welche
Haarfarbe ich eigentlich habe. Ich glaube, ich werde mir als nächstes
die Haare rot färben, denn die Farbe passt sehr gut zu diesem
dunkelgrünen Kleid, das ich gestern gekauft habe.“
„Meinst du, welche
Stadt oder welche Männer?“ Die Frage ihres Bruders Marco, der ein
ebensolcher Verwandlungskünstler war wie sie selbst, hatte einen
spöttischen Unterton. Manchmal trat er als ihr Diener auf, manchmal
als eine Art diskreter „Vermittler“, der für sie nach lukrativen
Herren Ausschau hielt, deren Geldbeutel locker genug saßen, um davon
zu profitieren.
„Aber du hast
recht“, fuhr er fort, „du hast hier in Wien genug Männerherzen
gebrochen. Es wird Zeit für einen kleinen Ortswechsel.“
„Aber nicht, bevor
ich meinen Plan hier ausgeführt habe. Er steht kurz vor der
Vollendung. Der Rubin ist sozusagen nur noch eine Verführung weit
entfernt.“ Sie lächelte schelmisch und tupfte noch etwas Rosenöl auf
ihr Dekolletee.
„Siehst du? Er ist
wie geschaffen dafür, hier seine letzte Ruhestätte zu finden – und er
würde hier wie auf Samt ruhen“, schmunzelte sie, während sie die zarte
Haut unterhalb ihres Schlüsselbeins streichelte.
„Ich bin immer
wieder erstaunt, wie gut du deine Pläne in die Tat umsetzen kannst.
Noch vor einigen Tagen hätte ich es für unmöglich gehalten, dass du
diesen Selik überhaupt kennenlernst – und jetzt würde er für dich
alles geben.“ Marco konnte nicht verhindern, dass ein Anflug von
Bewunderung in seiner Stimme mitschwang.
Szene 2
Marylène zog die
Spitzendecke in ihrem großen Himmelbett etwas herunter und lauschte.
Sie meinte noch immer, den Geschmack der Erdbeeren, Pfirsiche und
Kirschen zu schmecken, die sie sich gegenseitig von ihren Körpern
gepflückt hatten. Wenn sie nur wüsste, wer er in Wirklichkeit war.
Nach ihrer erregenden Fotositzung war er wieder verschwunden. Nur das
Ticken der großen Standuhr war zu hören. 3 Uhr nachts. Ihr ganzer
Körper bebte noch nach dem überwältigenden Erlebnis in dieser Nacht.
Es war nun
tatsächlich an der Zeit, von hier zu verschwinden. Wenn sie noch
länger bleiben würde, so wie Selik es gewünscht hatte, musste sie
fürchten, ihr Herz zu verlieren. Selik wollte sie als williges Objekt
seiner voyeuristischen Begierden, und sie fürchtete, der anonymen
Anziehungskraft des maskierten Mannes noch mehr zu verfallen. Und das
war etwas, was sie vermeiden wollte: die Kontrolle zu verlieren. Der
Rubin hatte sicher auch einen äußerst materiellen Wert, der sich in
klingende Münze umsetzen ließe.
Vorsichtig schob
sie die dünne Spitzendecke beiseite und schlüpfte in ihr Gewand. Dann
öffnete sie langsam die Tür und sah hinaus auf den Flur. Selik schlief
in einem anderen Zimmer. Sie wusste nicht, ob und wo sich der seltsame
maskierte Mann aufhielt, nur, dass er davon gesprochen hatte, am
nächsten Morgen noch eine weitere Fotositzung mit ihr zu machen. Am
nächsten Morgen – wenn sie bereits in einer anderen Verkleidung auf
dem Weg nach Paris wäre – im Besitz des magischen Rubincolliers.
Leise schlich sie
durch den Gang hinaus bis zu der kristallenen Vitrine, in der Selik
das Rubincollier aufbewahrte. Sie kannte inzwischen die geheime
Zahlenkombination, um den Schrank zu öffnen. Oft genug hatte sie
gesehen, wie er den Schmuck aus der Vitrine genommen hatte. Ihr Herz
klopfte dennoch so laut, dass sie meinte, jeder müsste es hören, als
sie mit zitternden Fingern die geheime Zahlenkombination einstellte
und mit einem Aufseufzen hörte, dass sich das Schloss öffnete.
Vorsichtig nahm sie
das Collier heraus und wollte es gerade in ihrem kleinen Samtbeutel
verstauen, als sie hinter sich eine Stimme hörte, die sie
zusammenzucken ließ. Wo, zum Teufel, hatte sie diese Stimme nur schon
einmal gehört?
„Gräfin Malchurzká,
wie erfreut, Sie zu sehen.“
Sie keuchte auf,
als sie hinter sich eine dunkle Gestalt sah, die sich ihr näherte.
„Was fällt Ihnen
ein ... was erlauben Sie sich ... ich bin nicht Gräfin Malchurzká!“
In der Aufregung
hatte sie jedoch wieder ihren russischen Akzent angenommen, den sie
immer mit diesem Namen in Verbindung brachte.
„Nein, ich weiß,
dein Name ist Chandrah.“ Die Stimme klang jetzt spöttisch. „Aber ich
bin sicher, dass du noch ein Dutzend anderer Namen hast.“
„So eine
Unverschämtheit, ich werde gleich anfangen zu schreien, wenn Sie ...“
„Das würde ich an
deiner Stelle nicht tun, denn dann wird unser Mäzen sicher schnell
herausfinden, was du dort in deiner Hand versteckt hältst, und ich bin
sicher, dass ihm das gar nicht gefallen wird.“
Ein Mondstrahl fiel
jetzt durch das Fenster und warf einen Lichtschein auf sein Gesicht,
das sie aufgrund der Maske jedoch noch immer nicht erkennen konnte.
Ihr Körper
prickelte, als sie fühlte, wie er mit stählernem Griff ihr Handgelenk
umfasste, so dass das Collier zu Boden fiel. Vorsichtig nahm er es auf
und strich langsam, fast zärtlich, mit den Fingerspitzen darüber.
„Letzte Nacht ist
etwas geschehen, mit dem weder ich noch Selik gerechnet haben. Ich
hatte nur den Auftrag, mit dir für Fotos zu posieren. Aber
offensichtlich bist du dem Rubin genauso verfallen wie ich, und wir
können uns beide nicht dem Zauber dieses Steines entziehen. Zudem ist
er sicherlich auch ein äußerst kostbarer Edelstein.“
Marylène wurde
schwindelig, sie hielt sich mit zitternden Händen an einer Tischkante
fest. Die Ereignisse begannen sich zu überschlagen, und sie hatte
schon vor einiger Zeit die Kontrolle über sie verloren.
Der Rubin begann
jetzt zu glühen wie ein flammendes Herz und sandte funkelnde
Lichtpfeile zwischen ihnen hin und her. Das Verlangen, diesen Mann zu
berühren, war überwältigend. Als sie die Hand ausstreckte, fühlte sie
wieder, wie sich etwas in ihr Bewusstsein drängte und ihre Seele mit
allen Sinnen verschlang. Sie musste ihn haben – doch er zog seine Hand
zurück.
„Ich schlage dir
einen Handel vor, werte Chandrah. Ich sehe, dass keiner von uns auf
diesen Rubin verzichten kann. Wir beide brauchen ihn wie die Luft zum
Atmen, das Wasser, das unsere Haut berührt ... lass uns von hier
fliehen. Wie ich sehr wohl gefühlt habe, bist du nicht jemand, der
lange Zeit an einer Stelle verweilen will. Es widerspräche deiner
wahren Natur, dich als dauerhafte Liebessklavin den voyeurstischen
Trieben des indischen Fürsten zu ergeben. Wenn du jedoch mit mir
kommst, verspreche ich dir einen gerechten Anteil an allem, was wir
durch den Rubin erlangen können.“
Marylène biss sich
auf die Lippen. Das Angebot schien verlockend. Andererseits fühlte sie
auch, wie eine eiserne Hand ihr Herz umklammerte. Er hatte sie
gewissermaßen in der Hand. Er könnte Selik rufen, und dann wäre sie
als das entlarvt, was sie wirklich war – eine Lügnerin und Diebin –
andererseits, was konnte es schaden, mit diesem verführerischen Mann
ihre Reise ins Ungewisse fortzusetzen?
Doch sie konnte
sich nicht daran hindern zu fragen: „Und was ist, wenn ich mich
weigere?“
„Dann werde ich mit
deinem hübschen Körper ein sehr reizvolles Fesselspiel veranstalten.“
Er grinste unverschämt.
Marylène zischte:
„Unterschätzt nicht meine Entfesselungskünste. Aber nun gut, ich nehme
an, es gibt Schlimmeres, als mit Euch in einer Kutsche zu sitzen oder
neben Euch auf einem Pferd zu reiten.“
Sollte er nur
denken, dass sie sich seinen Wünschen fügen würde.
Sie war sich
gewiss, dass es ihr gelingen würde, auf ihrer Reise den Rubin
letztendlich nur für sich alleine zu gewinnen.
Als hätte er ihre
Gedanken erraten, ließ er das Rubincollier in ihrem Samttäschchen
verschwinden und steckte beides in seine Westentasche. „Das nehme ich
erst einmal an mich. Nicht, dass es noch abhanden kommt. Und jetzt
lasst uns von hier verschwinden.“
***
„Es gibt noch eine
Bedingung, die Ihr erfüllen müsst, wenn ich mit Euch komme.“ Marylène
hatte gerade das letzte Kleid in ihrem Reisegepäck verstaut und sah
hinunter auf die Straße, auf der ihr Bruder gerade die Pferde
sattelte.
„Das fällt dir aber
sehr spät ein, holde Dame.“ Er ließ lächelnd einen ihrer Seidenschals
durch die Finger gleiten und betrachtete sie im Spiegel. Unglaublich,
in wie kurzer Zeit sie ihr Aussehen wieder verändert hatte. Nur die
leichte Bräune auf ihrer Haut hatte sie noch nicht abgewaschen, und er
war sich sicher, dass auch ihre schwarze Haarfarbe nicht ihre
natürliche Haarfarbe war. Doch jetzt hatte sie ihre Haare hochgesteckt
und unter einer Mütze verborgen. Ihr schlanker Körper steckte in engen
Lederhosen und einem weißen Hemd, und an den Füßen trug sie lange
Lederstiefel. Sie machte aus der Entfernung einen äußerst maskulinen
Eindruck. Niemand hätte in ihr die indische Schönheit vermutet, die
sich noch vor wenigen Stunden seinen Augen dargeboten hatte.
Sie drehte sich
abrupt um und wollte mit ihren Fingern nach seiner Maske greifen.
„Kein
Versteckspielchen mehr. Ich will endlich wissen, wer sich hinter
dieser Maske verbirgt.“ Er drehte sich geschickt weg, um ihr zu
entkommen.
„Alles zu seiner
Zeit, schöne Dame. Aber ich verspreche dir, das Geheimnis wird sich
bald für dich lüften.“
Sie hatte
beschlossen, keine Kutsche zu benutzen, da es gewiss zu auffällig
wäre, stattdessen fiel ihre Wahl auf drei Pferde. Mit unbeweglicher
Miene hatte sie sogar den Großteil ihrer Kleidung in die große
Badewanne in ihrem Wirtszimmer geworfen und sie dann angezündet. Es
zerriss ihm fast das Herz, den schönen orangegoldenen Sari oder das
Kleid mit dem weiten Reifrock, das sie als Gräfin Malchzurká getragen
hatte, in Flammen aufgehen zu sehen. Doch sie wollte keine Spuren
hinterlassen, nichts sollte mehr an die Gräfin Malchurzká erinnern
oder die Inderin Chandrah. Dennoch ließ sie es sich nicht nehmen,
einen beträchtlichen Geldbetrag als Bezahlung für die Übernachtungen
auf dem Tisch ihres Zimmers liegen zu lassen. Man konnte ihr viele
Vergehen nachsagen, das Vergehen der Zechprellerei war jedoch nicht
dabei. Es war kurz vor Einbruch der Morgendämmerung, und fast niemand
war auf der Straße zu sehen. Wiederum versetzte es ihn in Erstaunen,
wie es ihr gelang, ihr restliches Gepäck auf einem Pferderücken zu
verstauen. Wenig später waren sie auf dem Weg ins Ungewisse, und es
war ihr, als hörte sie den Rubin in seinem Gepäck singen.
***
Die Sonne
streichelte ihren Körper wie ein seidenes Tuch, und sie streckte
genussvoll die Arme aus, nachdem sie eine Handvoll kühles Wasser aus
dem Teich vor ihr geschöpft und über ihren Körper hatte rieseln
lassen.
Es war an der Zeit,
die letzten Spuren ihres alten Lebens hinter sich zu lassen. Mit dem
Ufersand rieb sie sich gründlich die dunkle Farbe ab, die ihren Körper
zu einer dunkelhäutigen indischen Schönheit gemacht hatte. Dann beugte
sie sich vor, um ihre schwarzen Haare ins Wasser zu tauchen, die sich
wie dunkle Schlingpflanzen vor ihr im Wasser ausbreiteten. Sie
versuchte die dunkle Farbe herauszuwaschen, was jedoch nicht so
einfach war. Da bemerkte sie, dass sich jemand von hinten näherte und
fühlte bald darauf ein paar Hände, die ihren Kopf sanft berührten. Sie
stöhnte auf, als geschickte Fingerspitzen ihre Kopfhaut massierten.
„Darf ich dir
helfen, kleine Hexe? Oh, ich hätte es wissen müssen – du hast
tatsächlich flammendrote Haare“, sagte er, als sich die dunkle Farbe
aus einigen Haarsträhnen schließlich entfernen ließ. Er hatte bereits
einige Zeit hinter einem Baum gestanden und sie beobachtet. Den
sanften Schwung ihres Körpers, als sie sich nach vorne beugte, um ihre
nassen Haare auszuschütteln, ihre Fingerspitzen, die über ihre Haut
glitten, um die Farbe abzuwaschen, und auch, als sie etwas länger als
nötig auf den runden, harten Brustwarzen verharrten, während
Wassertropfen an ihrem Körper herabperlten. |